Gute Bahn, schlechte Bahn

admin, 20. August 2008 3 Kommentare RSS

In den letzten Tagen gab es keine neuen Blog-Beiträge, weil ich auf Dienstreise war. Und wie man ja weiß: Wenn einer eine Reise tut, dann kann er was erzählen. Diesmal gibt es ein neues Kapitel aus dem Werk “Abenteuer Bundesbahn”.

Nachdem wir bei der letzten Reise ans gleiche Ziel für 3 Personen fast 500 Euro gezahlt hatten, wollte ich es diesmal etwas günstiger machen. Dauer-Spezial mit Zugbindung und IC statt ICE waren die Schlüssel zu einem günstigeren Fahrpreis. Rechnet man allerdings die Zeit für die Recherchen und Vergleiche im Internet, den abgebrochenen Versuch der Online-Buchung mit der auf den (diesmal nicht mitreisenden) Geschäftsführer ausgestellten Kreditkarte, die Fahrt zum Bahnhof, das Warten am Schalter, die dortige Suche nach Preisen, die dem Internet nahekommen und die Neuausstellung der zunächst falsch datierten Hinfahrt mit ein, war das “Schnäppchen” dann doch gar nicht soooo günstig. Aber das ist eine andere Geschichte.

Auch die Hinfahrt können wir schnell abhandeln. Verwunderlich bleibt dabei allerdings, dass die Dame am Fahrkartenschalter meinem Wunsch nach der Reservierung von Sitzplätzen an einem Tisch (weil im IC mit Steckdose) nicht erfüllen konnte, weil a) alle Tischplätze bereits belegt wären und b) sie nicht sehen könne, welcher Platz ein Tischplatz ist. Tatsache war nämlich, dass in unserem Nachbarwagen etliche Tischplätze frei und auch nicht reserviert waren.

Aber dann die Rückfahrt. Eigentlich wäre es ganz einfach gewesen: 15 Minuten Regionalbahn und dann ein durchgehender IC mit 14 Minuten Zeit zum Umsteigen. Deswegen haben wir uns auch noch nicht aufgeregt, als diese Regionalbahn ein paar Minuten nach der planmäßigen Abfahrtszeit noch nicht in Sicht war. Wie (leider) bei der Bahn üblich, wird der Reisende ja gerne dumm gehalten, d.h. es gab auch erst dann eine Durchsage bezüglich der Verspätung, als wir unseren Anschluss schon selber verloren glaubten. Das ist in diesem Fall eigentlich doppelt verwunderlich, denn dieser Bahnhof ist tatsächlich noch mit einem Menschen besetzt – nicht am Schalter, sondern an der Schranke! Wer es nicht selber erlebt hat, wird mir kaum glauben, welches “Spektakel” dort vor sich geht. Der Bahnhof ist zweigleisig, besitzt aber weder Brücke noch Unterführung. Kommt also ein Zug am Gleis, das dem Bahnhofszugang gegenüberliegt, werden zunächst die Schranken am inzwischen für den Autoverkehr gesperrten Bahnübergang geschlossen. Dann kommt der Bahnhofsvorstand aus seinem Häuschen heraus, überschreitet das erste Gleis, öffnet eine verrostete Schranke zum zweiten Gleis und gestattet den Reisenden die Überquerung des ersten Gleises….

17 Minuten länger als geplant mussten wir also auf dieses “Spektakel” warten. Die Verspätung sei aufgrund “uneinsichtiger Reisender” aufgetreten, lautete die Durchsage im Zug. Eine Mitreisende erklärte uns dann, dass der Zug nicht weiterfahren konnte, weil irgendwo versucht wurde, Schwarzfahrer zu fangen….

Aber – oh Wunder – die Schaffnerin, die wir dann gleich aufgesucht haben, um nach unserem Anschluss zu fragen, war wirklich sehr freundlich und kooperativ. Das muss man lobend herausstellen. Sie hat zwar telefonisch nur erfahren, dass unser IC planmäßig fährt, also keine 4 Minuten auf uns warten kann. Aber sie hat uns dann aus ihrem Hand-Organizer eine alternative Verbindung gesucht und aufgeschrieben und uns wegen der Zugbindung zum Service-Point verwiesen.

Und auch am Service-Point die zweite positive Überraschung. Wieder eine sehr freundliche, hilfsbereite Dame, die uns sofort eine Bescheinigung ausgestellt hat, die uns zur Benutzung eines ICE mit unserem Zugbindungs-IC-Ticket berechtigt. Sie hat uns dann drei alternative Verbindungen vorgeschlagen und ausgedruckt. Und zum Abschluss hat sie uns sogar noch ihr Telefon angeboten, damit wir zu Hause Bescheid sagen können, dass wir später kommen. Alle Achtung – sollte es einen Service-Ruck bei der Bahn gegeben haben? Sollten Schaffner der Sorte, die klagende, weil im Gang stehende Reisende darauf hinweisen, dass sie ja diesen Zug nicht nehmen müssten und auch mit dem Schiff fahren könnten (von Rosenheim nach München…) ausgemustert oder bekehrt worden sein?

Leider nein, muss man sagen, denn bekanntlich wiegt bei einem Kunden die letzte Erfahrung im Kaufprozess schwerer als aller vorherigen. Und die letzte war, dass wir 1,5 Stunden später als ursprünglich geplant zu Hause waren. Neja, ab 1 Stunde Verspätung im Fernverkehr gibt es ja eine Entschädigung von der Bahn. Die also wollten wir uns in München dann holen, nachdem der Ersatz-ICE wegen eines Triebwerkschadens (geflogen war er eigentlich nicht…) und Signalstörungen 30 Minuten Verspätung angesammelt hatte. Da war natürlich unser nächster “Konnekten-Service” (so die immer wieder erheiternde englische Ansage des zungenverknoteten Zugbegleiters für “lagentelmän”) schon wieder über alle Berge.

Ja, ja, ab 1 Stunde im Fernverkehr gibt es was, so die Dame am Service-Point. Da aber unsere Verspätungsgeschichte ursächlich von einer Regionalbahn ausgelöst wurde, für die die Regelung nicht gilt, gibt es dann doch nichts – noch dazu, weil diese Regionalbahn ja in Hessen Verspätung hatte, und in Bayern ganz andere Regeln gelten. Da steht der Kunde König also am Service-Point und muss sich wie ein spitzfindiger, aufdringlicher Bettler fühlen :-( (.

Aber wir können uns ja an den Kundendialog wenden, der eventuell einen größeren Kulanz-Spielraum hat, sagt die Dame mit der roten Haube. Tja, da kann ich entweder für 0,14 Eur/Min anrufen. Ich kann auch ein Kontaktformular aus dem Internet schicken. Bis ich das allerdings erreiche, habe ich mehr als die 3 Klicks gebraucht. Denn nicht nur, dass es für jeden Problembereich einen separaten Ansprechpartner gibt. Es gibt auch eine 3-Klassen-Gesellschaft, in der ich als Nicht-Bahn-Card-Besitzer sehr wahrscheinlich zu den rechtlosen Underdogs gehöre. Ob das Kontaktformular dann gleich an muelleimer@bahn.de geschickt wird? Jedenfalls erreicht die Bahn damit ihr Ziel, dass ich von einer Anfrage bzw. Beschwerde absehe, weil es die Zeit einfach nicht wert ist. Denn bestenfalls gibt es ja einen 5 EUR Reisegutschein…

Soll ich noch sagen, dass unsere letzte Regionalbahn dann mit 7 Minuten Verspätung abgefahren ist, weil sie auf verspätete Anschlussreisende gewartet hat? Und soll ich auch noch sagen, dass der IC, den wir diesmal verpasst haben, beim letzten Mal zu unserem Leidwesen mit 10 Minuten Verspätung eingefahren ist?

Die Welt ist ungerecht, und Monopole sind schlecht… Aber über derart lange Strecken sind Auto und Flieger halt einfach keine Alternative…. Und eine Alternativ-Bahn gibt es halt auch nur auf einigen, wenigen Strecken (Alex, BOB).


3 Kommentare zu “Gute Bahn, schlechte Bahn”

  1. Stefan schrieb:

    Wenn es beruhigt: auch ich bin gestern “natürlich” an meinem ICE Anschluss vorbeigeschrammt, hatte dann eine Stunde später den nächsten Anschluss und kein Mensch weit und breit konnte mir sagen wie ich von München um nachtschlafende Zeit doch noch ans Ende der Welt (= Niederbayern, noch hinter Marktl, also noch hinter dem Anfang der römisch-katholischen Welt) komme.

    Erlösung brachte erst die eigene Erfahrung – auf Verdacht in die Richtung gefahren, zwei Freunde zur Not auf Abruf gestellt, und endlich einen Regionalschaffner angetroffen der mich “heim lotste”.

    Sauer bin ich deswegen aber nicht auf die Deutsche Bahn. Dazu bin ich schon zu oft im Stau gestanden :-)

    Nur ernst nehm ich auch nichts mehr, was ich so von der Bahn zu hören bekomme. Ausser: die nächste Fahrpreiserhöhung!

  2. Josef Willkommer schrieb:

    @Stefan: Das mit dem Stau stimmt natürlich. Der Punkt ist halt nur, dass man häufig ja gerade deswegen auf die Bahn umsteigt, um den Stau zu “umfahren”. Insofern ist es dann halt schon ärgerlich, wenn man dann irgendwo in der “Wallachei” landet und wartet, und wartet, und wartet…

    Aber wie heißt es doch auch schon: Die nächste Fahrpreiserhöhung kommt bestimmt! Hierzu nur noch ein Satz. Ich hatte früher beruflich in Österreich zu tun und bin da sehr oft mit dem Zug gefahren. Die ÖBB ist sicherlich nicht unzuverlässiger als die DB, allerdings – in vielen Fällen – fast die Hälfte billiger… In diesem Sinne viele Grüße an Herrn Mehdorn!

  3. Marion Engel schrieb:

    …und noch dazu hat der österreichische Verkehrsminister den ÖBB vor kurzem eine Preiserhöhung verboten, weil dies in Zeiten steigender Benzinpreise das falsche Signal wäre!

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