Inzwischen wird die Liste der gedruckten deutschen Magento-Bücher immer länger, und die ersten Exemplare kann man tatsächlich schon in die Hand nehmen. Natürlich verfolgen wir diesen Bereich auch sehr aufmerksam und machen uns so unsere Gedanken zu Magento, der Zielgruppe und den Eindrücken, die mit den Büchern so verbreitet werden.
Es ist schon interessant, was da so geschrieben wird. Scheinbar gibt es sogar geistige Doppelgänger…. Menschen also, die unabhängig voneinander die gleichen Gedanken haben und Sachverhalte in die gleichen Worte fassen.
So wie sich der Buchmarkt präsentiert, gibt es ein großes Positionierungsproblem. Die Bücher, ob erschienen oder nur angekündigt, haben keine eindeutige Zielgruppe, sondern hängen gewissermaßen zwischen den Welten. Für die eine Zielgruppe ist der Stoff zu schwer, für die andere Zielgruppe zu dünn. Und daraus entsteht ein falscher Eindruck über die Welt des eCommerce im Allgemeinen und über Magento im Speziellen. Darauf kann nur eine Enttäuschung folgen, sei es, weil man beim Aufbau seines Magento-Shops scheitert oder von einer Magento-Agentur erfährt, dass man mindestens eine mittlere 4-stellige Summe auf den Tisch legen muss, um in der untersten Magento-Liga mitspielen zu können.
Die Bücher suggerieren, dass eine Geschäftsidee, die kostenlose Shopsoftware Magento und ein Magento-Buch ausreichen, um schnell und unkompliziert viel Geld mit einem Online-Shop zu machen. Das ist schlichtweg falsch – so unromantisch es auch klingen mag.
Schnell und unkompliziert wird kaum jemand im Web reich. Selbst wenn man “nur” einen Blog betreiben möchte, wird man nach einigen Wochen feststellen, dass es verdammt viel Zeit kostet, sinnvolle Beiträge zu schreiben – vom Aufwand für die saubere Einrichtung des Blogs und seine Bekanntmachung mal ganz abgesehen.
Wenn beispielsweise Urlaub ins Haus steht, kann man Blogbeiträge ja auf Vorrat schreiben und automatisch zur Veröffentlichung an einem zukünftigen Datum einstellen. Oder zur Not gibt es halt ein paar Tage mal keinen Beitrag.
Aber ein Online-Shop, dessen Vorteile unter anderem mit den unbegrenzten Öffnungszeiten angegeben werden, kann nicht einfach eine Woche verwaist bleiben. Die Kunden wollen bedient werden, und kaum jemand ist bereit, in einem Online-Shop wochenlang auf die Zusendung seiner Waren zu warten.
Man müsste schon eine eierlegende Wollmilchsau sein, um mit Magento und den Büchern ein erfolgreiches Geschäft aufzubauen. Denn was braucht man für einen erfolgreichen Online-Shop?
ein tragfähiges Geschäftsmodell, also
Produkte, die nachgefragt werden
ausreichende Kapazitäten, diese Produkte herzustellen oder zuverlässige Zulieferer – in guten wie in schlechten Zeiten
die Logistik, die Produkte zum Kunden zu bringen (wenn es sich nicht um Downloads handelt)
ein finanzielles Polster für die Vorfinanzierung des Geschäfts und der Produkte
personelle, technische und u.U. auch räumliche Kapazitäten, um die Bestellungen zuverlässig abzuwickeln
einen Webdesigner, der ein gutes, benutzerfreundliches Layout entwirft
einen Web-Programmierer, der dieses Layout in Magento-Templates umsetzt
einen Administrator, der sich mit Server & Co auskennt und Magento installieren und konfigurieren kann
einen Programmierer, der sich mit PHP, dem Zend-Framework und mehr auskennt und bereit ist, auch Software-Archäologie zu betreiben
einen Online-Marketeer, der sich um die Vermarktung des Shops im Web kümmert
Es gibt ja den Begriff des “Over-Achievers” für eine Person, die sehr viele Fähigkeiten in sich vereint. Aber auch die gescheitesten Leute, die ich kenne, sind nicht in der Lage, alle oben genannten Anforderungen alleine zu erfüllen.
Also: erstmal nüchtern nachdenken und das, was man so hört und liest, auch mal kritisch hinterfragen.
Auch ein Blick auf die Realität kann helfen. So habe ich vor einigen Tagen eine Einkaufstour im Internet gemacht, von der ich folgendes berichten kann:
Das Produkt, das ich gesucht habe, Mini-CD-Rohlinge, stellte sich als Nischenprodukt heraus. Im stationären Handel war es nicht zu bekommen. Das ist ein Pluspunkt für den Online-Handel, lässt mich aber vermuten, dass die Nachfrage nicht sehr hoch ist. Das Produkt ist zwar lagerfähig, birgt aber dennoch ein gewisses Risiko, zum Ladenhüter zu werden.
Zu den Mini-CDs brauchte ich auch noch eine geeignete Verpackung. Es blieben aber schließlich nur 3 Shops übrig, die ein mir passendes Angebot an Mini-CDs und Hüllen machen konnten. Bei einem Shop die CDs bestellen, beim anderen die Hüllen kam nicht in Frage, da das eine Verdopplung der Portokosten und möglicherweise auch einen Mindermengenzuschlag mit sich gezogen hätte.
Der Shop, bei dem ich eigentlich bestellen wollte, hat sich durch widersprüchliche Aussagen hinsichtlich der Lieferzeit disqualifiziert. Wie ist es möglich, dass CDs, die vom Shop selbst nachbestellt werden müssen, eine Lieferzeit von 1-3 Tagen haben, während andere Artikel, von denen noch 10 Stück auf Lager sind, erst in 2-3 Wochen geliefert werden? Das war mir dann doch zu “windig”, da mir eine schnelle Lieferung wichtig war.
Die Erkenntnis:Es reicht nicht aus, Produkte online anzubieten. Die begleitenden Aussagen müssen zuverlässig und glaubwürdig sein. Sonst gibt es vielleicht noch hohe Klickraten, aber ein geringes Bestellvolumen.
Verblieben also zwei Shops, die trotz sehr unterschiedlicher Einzelpreise in Summe gerade mal 60 Cent auseinander lagen. Also hätte es nicht unbedingt der billigere Anbieter sein müssen, wenn der teurere andere interessante Leistungen geboten hätte, z.B. ein Shop-Siegel, positive Kundenbewertungen oder Lieferung auf Rechnung statt per Vorkasse. Die Lage war bei beiden Shops gleich bescheiden, und so blieb mir nichts anders übrig, als für 27,69 EUR das potenzielle Risiko einzugehen, vielleicht nie Ware zu bekommen. Bei größeren Beträgen hätte ich das allerdings nicht gemacht.
Die Erkenntnis:Ein sicherheitsbewusster Online-Käufer kauft nicht einfach per Vorkasse für größere Beträge bei kleinen, unbekannten Anbietern. Bis man sich selbst in einer Nische einen Namen gemacht hat, braucht es Zeit, Geld und geeignete Maßnahmen. Bis dahin kann beispielsweise der Trusted Shop-Siegel helfen, der aber nicht kostenlos erhältlich ist.
Wenn Sie als Privatperson hin und wieder mal etwas verkaufen möchten, sollten Sie sich unter das Dach eines bestehenden Online-Systems begeben, sich dort einmieten und das Ganze auch in der Hobbyliga betreiben.
Wer mit Magento arbeiten möchte, sollte zumindest die Voraussetzungen haben, in der Bundesliga mitzuspielen. Und er sollte sich eine fitte Mannschaft und einen erfahrenen Trainer engagieren. Andernfalls ist der Schiffbruch vorprogrammiert.
Und was bedeutet das für die Bücher? Sie sollten sich auf folgende Zielgruppen spezialisieren:
Shopbetreiber: Sie verfügen über einen lauffähigen Shop und möchten Produkte einpflegen und die Verkäufe im Back-End abwickeln. Sie verfügen weder über Programmierkenntnisse noch über Zugriffsrechte auf den Server, um dort Dateien zu ändern.
Programmierer: Sie verfügen über php-Kenntnisse und möchten lernen, wie Magento aufgebaut ist, wie man Extensions programmiert und den Shop anpasst. Genau dieser Bereich liegt aber vielfach in dichtem Nebel. Und wer diesen in Kundenprojekten durchdringt, wird seine Erkenntnisse für sich behalten oder für das nächste Projekt verwenden und nicht in ein Buch schreiben.
Web-Designer: Sie kennen sich mit CSS & Co aus und würden gerne wissen, wie man Magento-Templates erstellt oder bestehende Layouts individuell gestalten kann. Aber ihnen geht es wie den Programmierern. Wer es geschafft hat, ein eigenes Layout umzusetzen, behält dieses Wissen für sich und liefert lieber Templates für Kunden als Bücher für andere Bastler.
Ob diese Haltung vernünftig ist? Sie ist jedenfalls Fakt, denn die diesbezüglichen Kapitel in den neuen Büchern sind nicht wirklich Hilfe zur Selbsthilfe.
Ja, Wunder gibt es immer wieder, und wenn man nur will, kann man vieles erreichen. Aber Magento ist leider nicht der Stoff, aus dem die Wunder sind. Und nur die Programmierer und Web-Designer, die den größten Teil ihrer Arbeitszeit mit Magento verbringen, können für ihre Kunden erfolgreiche Online-Shops aufbauen.
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Magento-Bücher, Zielgruppen und eCommerce
admin, 30. April 2009 kein Kommentar RSS
Inzwischen wird die Liste der gedruckten deutschen Magento-Bücher immer länger, und die ersten Exemplare kann man tatsächlich schon in die Hand nehmen. Natürlich verfolgen wir diesen Bereich auch sehr aufmerksam und machen uns so unsere Gedanken zu Magento, der Zielgruppe und den Eindrücken, die mit den Büchern so verbreitet werden.
Es ist schon interessant, was da so geschrieben wird. Scheinbar gibt es sogar geistige Doppelgänger…. Menschen also, die unabhängig voneinander die gleichen Gedanken haben und Sachverhalte in die gleichen Worte fassen.
So wie sich der Buchmarkt präsentiert, gibt es ein großes Positionierungsproblem. Die Bücher, ob erschienen oder nur angekündigt, haben keine eindeutige Zielgruppe, sondern hängen gewissermaßen zwischen den Welten. Für die eine Zielgruppe ist der Stoff zu schwer, für die andere Zielgruppe zu dünn. Und daraus entsteht ein falscher Eindruck über die Welt des eCommerce im Allgemeinen und über Magento im Speziellen. Darauf kann nur eine Enttäuschung folgen, sei es, weil man beim Aufbau seines Magento-Shops scheitert oder von einer Magento-Agentur erfährt, dass man mindestens eine mittlere 4-stellige Summe auf den Tisch legen muss, um in der untersten Magento-Liga mitspielen zu können.
Die Bücher suggerieren, dass eine Geschäftsidee, die kostenlose Shopsoftware Magento und ein Magento-Buch ausreichen, um schnell und unkompliziert viel Geld mit einem Online-Shop zu machen. Das ist schlichtweg falsch – so unromantisch es auch klingen mag.
Schnell und unkompliziert wird kaum jemand im Web reich. Selbst wenn man “nur” einen Blog betreiben möchte, wird man nach einigen Wochen feststellen, dass es verdammt viel Zeit kostet, sinnvolle Beiträge zu schreiben – vom Aufwand für die saubere Einrichtung des Blogs und seine Bekanntmachung mal ganz abgesehen.
Wenn beispielsweise Urlaub ins Haus steht, kann man Blogbeiträge ja auf Vorrat schreiben und automatisch zur Veröffentlichung an einem zukünftigen Datum einstellen. Oder zur Not gibt es halt ein paar Tage mal keinen Beitrag.
Aber ein Online-Shop, dessen Vorteile unter anderem mit den unbegrenzten Öffnungszeiten angegeben werden, kann nicht einfach eine Woche verwaist bleiben. Die Kunden wollen bedient werden, und kaum jemand ist bereit, in einem Online-Shop wochenlang auf die Zusendung seiner Waren zu warten.
Man müsste schon eine eierlegende Wollmilchsau sein, um mit Magento und den Büchern ein erfolgreiches Geschäft aufzubauen. Denn was braucht man für einen erfolgreichen Online-Shop?
Es gibt ja den Begriff des “Over-Achievers” für eine Person, die sehr viele Fähigkeiten in sich vereint. Aber auch die gescheitesten Leute, die ich kenne, sind nicht in der Lage, alle oben genannten Anforderungen alleine zu erfüllen.
Also: erstmal nüchtern nachdenken und das, was man so hört und liest, auch mal kritisch hinterfragen.
Auch ein Blick auf die Realität kann helfen. So habe ich vor einigen Tagen eine Einkaufstour im Internet gemacht, von der ich folgendes berichten kann:
Das Produkt, das ich gesucht habe, Mini-CD-Rohlinge, stellte sich als Nischenprodukt heraus. Im stationären Handel war es nicht zu bekommen. Das ist ein Pluspunkt für den Online-Handel, lässt mich aber vermuten, dass die Nachfrage nicht sehr hoch ist. Das Produkt ist zwar lagerfähig, birgt aber dennoch ein gewisses Risiko, zum Ladenhüter zu werden.
Zu den Mini-CDs brauchte ich auch noch eine geeignete Verpackung. Es blieben aber schließlich nur 3 Shops übrig, die ein mir passendes Angebot an Mini-CDs und Hüllen machen konnten. Bei einem Shop die CDs bestellen, beim anderen die Hüllen kam nicht in Frage, da das eine Verdopplung der Portokosten und möglicherweise auch einen Mindermengenzuschlag mit sich gezogen hätte.
Der Shop, bei dem ich eigentlich bestellen wollte, hat sich durch widersprüchliche Aussagen hinsichtlich der Lieferzeit disqualifiziert. Wie ist es möglich, dass CDs, die vom Shop selbst nachbestellt werden müssen, eine Lieferzeit von 1-3 Tagen haben, während andere Artikel, von denen noch 10 Stück auf Lager sind, erst in 2-3 Wochen geliefert werden? Das war mir dann doch zu “windig”, da mir eine schnelle Lieferung wichtig war.
Die Erkenntnis: Es reicht nicht aus, Produkte online anzubieten. Die begleitenden Aussagen müssen zuverlässig und glaubwürdig sein. Sonst gibt es vielleicht noch hohe Klickraten, aber ein geringes Bestellvolumen.
Verblieben also zwei Shops, die trotz sehr unterschiedlicher Einzelpreise in Summe gerade mal 60 Cent auseinander lagen. Also hätte es nicht unbedingt der billigere Anbieter sein müssen, wenn der teurere andere interessante Leistungen geboten hätte, z.B. ein Shop-Siegel, positive Kundenbewertungen oder Lieferung auf Rechnung statt per Vorkasse. Die Lage war bei beiden Shops gleich bescheiden, und so blieb mir nichts anders übrig, als für 27,69 EUR das potenzielle Risiko einzugehen, vielleicht nie Ware zu bekommen. Bei größeren Beträgen hätte ich das allerdings nicht gemacht.
Die Erkenntnis: Ein sicherheitsbewusster Online-Käufer kauft nicht einfach per Vorkasse für größere Beträge bei kleinen, unbekannten Anbietern. Bis man sich selbst in einer Nische einen Namen gemacht hat, braucht es Zeit, Geld und geeignete Maßnahmen. Bis dahin kann beispielsweise der Trusted Shop-Siegel helfen, der aber nicht kostenlos erhältlich ist.
Wenn Sie als Privatperson hin und wieder mal etwas verkaufen möchten, sollten Sie sich unter das Dach eines bestehenden Online-Systems begeben, sich dort einmieten und das Ganze auch in der Hobbyliga betreiben.
Wer mit Magento arbeiten möchte, sollte zumindest die Voraussetzungen haben, in der Bundesliga mitzuspielen. Und er sollte sich eine fitte Mannschaft und einen erfahrenen Trainer engagieren. Andernfalls ist der Schiffbruch vorprogrammiert.
Und was bedeutet das für die Bücher? Sie sollten sich auf folgende Zielgruppen spezialisieren:
Ob diese Haltung vernünftig ist? Sie ist jedenfalls Fakt, denn die diesbezüglichen Kapitel in den neuen Büchern sind nicht wirklich Hilfe zur Selbsthilfe.
Ja, Wunder gibt es immer wieder, und wenn man nur will, kann man vieles erreichen. Aber Magento ist leider nicht der Stoff, aus dem die Wunder sind. Und nur die Programmierer und Web-Designer, die den größten Teil ihrer Arbeitszeit mit Magento verbringen, können für ihre Kunden erfolgreiche Online-Shops aufbauen.