Bericht zum PMcamp 2012 in Wien

Einem detaillierten Bericht vorausgeschickt die kurze Zusammenfassung: Das PMcamp 2012 in Wien war eine großartige Veranstaltung. Jedem, der mit Projektmanagement zu tun hat, sei der Besuch empfohlen, im November in Dornbirn, oder nächstes Jahr wieder in Wien und vielleicht in Deutschland (Pläne für ein deutsches PMcamp gibt es bereits). Was bot das PMcamp im Detail?

Michael Leber, einer der Veranstalter, im Plenum des PMcamp Wien
Michael Leber, einer der Veranstalter, im Plenum des PMcamp Wien

PMcamp: Von Dornbirn nach Wien

In Dornbirn fand 2011 das erste PMCamp statt, und als „Spin-Off“ gingen einige der dortigen Teilnehmer das Unternehmen an, ein ebensolches PMcamp in Wien zu veranstalten. Am 15. und 16. Juni 2012 trafen sich nun zw. 50 und 60 Projektmanager und Interessierte im Business Base NINETEEN zum PMcamp Vienna 2012.

Die eine Hälfte (Vormittage) war im klassischen Vortragsformat gehalten, die zweite Hälfte (Nachmittage) war als Open Space organisiert, in dem die Campteilnehmer selbst die Themen vorschlagen, Sessions anbieten oder Fragen zur Diskussion stellen. Die Themen waren vielfältig und hochspannend, einige Highlights:

 

OpenPM

OpenPM, eine Wikipedia-ähnliche Plattform, die im April 2012 gelauncht wurde, wurde von Marcus Raitner vorgestellt. Die Idee zu OpenPM entstand, so Raitner, nach einem Blogpost von Stefan Hager, in dem er den Status herrschender Verbände in der PM-Welt (PMI, IPMA usw.) analysiert und zu dem Schluss kommt: Es geht vielleicht auch anders.

Marcus Raitner stellte das Konzept, den Werdegang und die Früchte vor – die fertige Plattform. Zusammen mit anderen, die das erste 2011 PMcamp in Dornbirn organisierten, verdichtete er die Idee von OpenPM zu einer lebendigen Plattform, die nach dem Prinzip Crowdsourcing die vielen Informationen und Erfahrungen sammelt, die es in der PM-Community gibt – von den klassischen Systemen über Agile-Ansätze bis hin zu Fallgeschichten. Die wachsende Community stellt jetzt schon einen umfangreichen Schatz an Wissen und Erfahrungen zur Verfügung, Mitmachen steht jedem offen!


Agile Methoden

Agile Ansätze machten einen nennenswerten Anteil am Gesamtprogramm des Camps aus. Vom DSDM über Scrum bis hin zu Kanban und Personal Kanban wurde ein breites Spektrum von Themen aus dem Bereich Lean und Agile besprochen. Zu den ungewöhnlicheren Themen zählte dabei DSDM, das längst nicht so „berühmt“ und verbreitet ist wie Scrum.

Matthew Caine stellte diese agile Managementmethode DSDM Atern (Dynamic System Delivery Method) vor. Gerade die Abgrenzung von Scrum, der agilen Methode schlechthin derzeit, war interessant: DSDM macht deutlich mehr Vorgaben als Scrum, definiert z.B. mehr Lifecycleabschnitte, mehr Feedbackmechanismen und mehr Rollen. Diese Rollen entsprechen jedoch den „klassischen“ Rollen weitgehend – es gibt Projektmanager, Tester, Teamleader, Business-Analysten etc. Das sei ein Grund, so Caine, dass DSDM es bei der Einführung in großen Unternehmen zum Teil leichter habe, weil kein Bruch mit der bestehenden Rollenverteilung notwendig ist wie bei Scrum.

Auch skaliere DSDM leichter als Scrum, das mit dem Prinzip „Scrum of Scrums“ organisatorisch bei gewissen Größenordnungen doch an Grenzen stoße. Riesige Unternehmen wie weltweit tätige Versicherungen, Pharmaunternehmen oder Banken setzen deshalb auf DSDM. Die Verbreitung ist aber doch vergleichsweise gering, nur 8% der agilen Projekte in Großbritannien nutzen DSDM. Weil die UK-Regierung aber nach der Analyse von Fehlschlägen in (eigenen) IT-Projekten vor kurzem eine Empfehlung für DSDM aussprach, sei es gerade im öffentlichen Sektor in Großbritannien auf dem Vormarsch.

OpenSpace Sessions auf dem PMcamp Wien
OpenSpace Sessions auf dem PMcamp Wien

Zertifizierung und Ausbildung

Ein umfangreicher Themenblock drehte sich um die vielen Facetten, die Ausbildung und Zertifizierung im Bereich PM haben. Dem MBA, anzulegen z.B. an einem privatwirtschaftlich ausgegliederten Institut der Universität Salzburg, der University of Slazburg Business School SMBS, stehen dabei zum Beispiel Ausbildungen und Zertifizierungen bei den weltweit operierenden Verbänden PMI und IPMA (Gesellschaft für PM) gegenüber.

Über Scope, Zweck, Sinn und Unsinn von Zertifikaten wurde dabei „trefflich gestritten“, wie man so schön sagt, und in diesem Zusammenhang gab es rege Diskussionen auch um die Frage, was einen guten PM ausmache: Lässt er ein Projekt früh sterben, um ein spätes Scheitern zu verhindern? Welche Eigenschaften sollte er oder sie mitbringen? Greifen Eigenschaftsmodelle überhaupt? Wie führt er, um eine konkretere Fragestellung zu nennen, gelungenes Stakeholder Management durch?

Hierzu boten Sigi Kaltenecker und Thomas Spielhofer eine sehr interessante Session, in der sie das Konzept „Stakeholder Landkarte“ nutzten. Um einen wunderschönen Satz von Sigi Kaltenecker herauszugreifen: „Es geht um die Mediation der systemischen Kränkung des Middle Managements.“ (Es ging natürlich auch noch um vieles andere!)

 

Selbstbewusstsein und grüne ProjektreportsBeaker

Nadja Schröer-Petranovskaja  warf in ihrem Vortrag zu proaktivem Projektmanagement u.a. die interessante Frage auf, was denn passieren würde, wenn ein Projekt mit einer humanen „nine-to-five“ Arbeitszeit optimal und problemlos liefe. Würden einem das darüber liegende Management glauben? Hätte man ein schlechtes Gewissen den anderen PMs gegenüber, die noch abends um Zehn im Büro sitzen? Würden Ressourcen abgezogen, weil woanders Not am Mann ist, bekäme man Zusatzarbeit, weil man offensichtlich nicht ausgelastet ist? Mit andere Worten: Ist es lohnenswert, nicht im Stress zu sein und große Probleme zu haben? 

Und die provokante Folgefrage: Sollte man, wenn die vorliegende Unternehmenskultur nun mal so funktioniert, nicht lieber kündigen? Die Befindlichkeit, in der man sich das nicht traut, nennt sie „den inneren Beaker“, deshalb heißt ihr kleines Arbeitsbüchlein, das sie empfahl: „Kill the Beaker“. (Das ist der wissenschafftliche Assistent bei der Muppets-Show, der immer „Mimimimi“… man erinnert sich)

 

Postit® war gestern, heute ist: Stattys

Last but not least, seien die Stattys erwähnt. Was sind Stattys? Stattys sind Post-its® auf Speed: Der finnische Unternehmer Mikko Mannila stellte ein Produkt vor, das alle und insbesondere Agilisten begeisterte: Post-it-artige Blätter aus Polypropylen, die statisch aufgeladen sind und somit auf jeder einigermaßen glatten Oberfläche haften, eben die sogenannten Stattys. So lässt sich jede Wand in ein Whiteboard verwandeln, Stattys halten oft besser als Post-its, sind mit Whiteboardmarker beschrift-, also wieder abwaschbar, und rutschen nur so auf Wand/Board/Fenster/Sonstiges hin und her, dass es eine Freude ist. Zur Visualisierung, wie sie gerade in Scrum, Kanban & Co. und allgemein im Consulting eine so wichtige Rolle spielt, ein super Werkzeug.


Das Fazit zum PMcamp Wien 2012

Wie eingangs gesagt: Das PMcamp in Wien war eine rundherum gelungene Veranstaltung, die für PMs und alle, die mit PM zu tun haben, viel neues Wissen, viele neue Impulse und viele interessante Kontakte brachte. Die Feedbackrunde zum Ende des Camps stellte klar heraus, dass informelle Veranstaltungen wie diese auf breite Akzeptanz, um nicht zu sagen Begeisterung treffen. Weitere PMcamps, wie das bereits für November in Dornbirn geplante, dürften vermutlich noch mehr Besucher anziehen, denn wohl beinah jeder, der von einem solchen PMcamp „heimkehrt“, berichtet: War super, unbedingt hinfahren.

Coffee at PMcamp Wien (pmcamp12vie)
Coffee at PMcamp Wien

One thought on “Bericht zum PMcamp 2012 in Wien

Kommentar abgeben

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.