Bericht zur Agile World 2012

World Cafe auf der Agile World 2012Am 11.7. und 12.7. fand in München zum ersten Mal die Agile World Konferenz statt, ausgerichtet vom Münchner Scrum-Spezialist Christoph Mathis (Improuv) mit Unterstützung der deutschen Telefonica. In den wirklich schönen Räumen der Telefonica (O2-Tower) am Georg-Brauchle-Ring trafen sich zwei Tage lang Agilisten, Coaches, Entwickler, Product Owner & Co., um sich auszutauschen.

Und um einen echten Austausch ging es vor allen, dem Motto der Konferenz „Sharing Experiences and Ideas“ folgend, was sich auch in der äußerst gelungenen Mischung an Formaten niederschlug. Neben klassischen Vorträgen gab es dabei World Cafe, Open Space, Fishbowl-Diskussionen, all dies zusammen mit den gut ausgewählten Themen und Speakern machte die beiden Tage zu einem wirklich bereichernden Erlebnis.

Bei vier Tracks hatte man die sprichwörtliche Qual der Wahl, es war, wie fast immer auf solchen Events, nicht möglich, alles mitzunehmen, das einen interessierte. Im Folgenden seien einige persönliche Highlights herausgegriffen.

 

World Cafe – Die Kaffeepause als KonferenzformatWorld Cafe Tischdecke

Den Anfang der Konferenz machte eine zweistündige World-Cafe-Sitzung, in der die Konferenzteilnehmer auch Gelegenheit hatten, sich in informellem Rahmen kennenzulernen. Die Ergebnisse (also Tischdecken) der Tische werden wie die Slides auf agileworld.de veröffentlich werden, sind jedoch vermutlich nur dann wirklich nachvollziehbar, wenn man an der jeweiligen Diskussion teilgenommen hat. Als Ideensteinbruch zu einem Thema oder um sich einfach anzuschauen, wie World Cafe funktioniert, dienen sie allemal.

 

Agile ist nicht nur Scrum

Obwohl es auf der Konferenz im Schwerpunkt um Scrum ging, war gerade auch der Brückenschlag zu anderen Agile Ansätzen und zu Lean spannend. Dirk Lässig (Valtech) etwa stellte das Konzept eines Lean Product Owner vor, der sich Lean-Prinzipien zunutze macht, um z.B. das Backlog so schmal wie möglich zu gestalten. So vermeidet er Waste, die Verschwendung, zu viel vorab zu spezifizieren und zu schätzen.

Eike Reinel von TNG hielt einen hochinteressanten Vortrag über Kaizen, also das Prinzip der ständigen Verbesserung. Weithin geläufig ist die Tatsache, dass Kaizen industriell zuerst im Toyota Production System (TPS) eingesetzt wurde, wobei Reinel darauf hinwies, dass die im TPS eingesetzten Prinzipien aus Wiederaufbauprogrammen der USA nach dem zweiten Weltkrieg stammten. Die fünf Hauptelemente von Kaizen, Teamwork, Selbstdisziplin, Verbesserung der Moral, Qualitätszirkel und Verbesserungsvorschläge, seien natürlich auch in Scrum zentral. Über verschiedene Standardisierungsansätze und Herangehensweisen wie 5S oder 5 Why (fortwährendes, mindestens fünfmaliges Hinterfragen) lasse sich Kaizen und damit die „lernende Organisation“ institutionalisieren.

 

Wie Agile skalieren?

Den vielleicht humorvollsten Talk hielt Bogo Vatovec über das Thema „Wie lässt Agile skalieren?“ Er stellte fest, dass sich Scrum auf Konzernebene als eine Komponente, ein Strang unter vielen einzuordnen hat, alles andere wäre unrealistisch. In Scrum-Büchern werde oft von einer idealen Welt ausgegangen, die in Konzerngrößenordnung niemals vorzufinden sei. Zum Beispiel sei es unrealistisch, von Colocation auszugehen, Offshoring und verteilte Teams seien eine Realität, die man nicht umgehen könne. Über Konnektoren, wie Vatovec die Schnittstellen nennt, müsse sich Scrum in den Konzern einbetten. Die Anpassung von Scrum an Gegebenheiten und dabei das Abweichen vom heiligen Lehrbuch, von vielen als Scrum-But(t) verteufelt, sei dabei eine ganz natürliche Sache.

 

Shu Ha Ri und Scrum-ButFishbowl auf der Agile World

In diesem Zusammenhang wurde an anderer Stelle der Shu-Ha-Ri-Ansatz thematisiert, wie man ihn aus der aistischen Kampfsportphilosophie kennt: Shu (Lerne, übe die Regel), Ha (brich die Regel) bis hin zur Meisterschaft Ri (Sei die Regel) stelle dar, wie die Reifung zu erfolgen hat, Verfechter bringen vor, dass man nicht Ha-Level (in der man die Regel bewusst und nach viel Erfahrung bricht) mit der Faulheit verwechseln dürfe, den revolutionären Aspekt von Scrum nicht zu leben, weil man mit Gewohntem nicht brechen wolle. Das Thema „Scrum-But“ („Ja, wir machen Scrum, aber…“) ist und bleibt in der Community ein heiß diskutiertes, bei dem es keine algorithmische Lösung gibt (nun, das wäre bei Agile ja auch merkwürdig).

 

Open Space – spontane Sessions

Im Open Space am Tag 2 ging es viel auch um „Metathemen“. In einer Art it-agile-Festspiel absolvierte Jens Coldeway (Mitgründer von it-agile) gleich drei hochinteressante Sessions, in denen es u.a. um komplexe Systeme, konzeptuelle Frameworks und Theoriengebäude darum herum ging (wie Cynefin, Human Systems Dynamics) sowie Ansätze, Team und/oder Organisationen einzuordnen und zu verändern, etwa über den Ansatz CDE (Container, Differences, Exchanges). Auch stellte er ein 5-Säulen-Modell vor, mit dem eine Organisation basierend auf systemischen Denkansätzen in den Bereichen katalytische Führung, offene Kommunikation, Lernen durch Experimente, ergebnisorientiertes Controlling und Craftsmanship zu immer höherer Reife in der Agilität gelangen kann.

 

Agile Contracting – immer noch kein Spaziergang

Henrik Klagges (TNG) referierte über Agile Contracting. Neben dem bekannten „Money for nothing, change for free“ stellt er ein Modell vor, in dem der Kunde u.a. mehrfach die Möglichkeit hat, die Annahme eines Sprints grundlos zu verweigern, so dass der Dienstleister auf eigene Kosten einen Nachholsprint zu leisten hat. Tritt dieser Fall zwei oder drei Mal ein, wird der Vertrag gelöst. Das erfordere freilich eine solide Vertrauensgrundlage mit dem Kunden, es erfordert m.E. aber auch einen hohen Reifegrad in Agilität und Kompetenz (der bei TNG sehr deutlich ersichtlich ist), da der Dienstleister ansonsten ein sehr hohes Risiko eingeht. Agile Contracting ist ingesamt – Stichwort „Scrum zum Festpreis“ – ein vielfältiges, schwieriges Thema, das ein Umdenken u.a. bei Einkauf und Vertrieb erfordert, aber auch grundsätzlich die Fragen nach Vertrauen und Kooperation auf neue Weise stellt.

 

Agile World Abschiedsrunde

Wie Agile bin ich?

Dieter Bertsch stellte einen Agile Healthcheck vor, den er mit Kollegen bei der Allianz erarbeitet. Mit diesem Instrument werden Teams auf ihre agile Reife hin eingeordnet, weil Bertsch feststellte, dass die bestehenden Selbstauskunftsfragebogen relativ leicht verzerrte Ergebnisse liefern. Ziel des Assessment ist nicht ein konkurrenzstiftender Leistungsvergleich, wie Bertsch betonte, sondern eine Perspektive für Verbesserung. Basierend auf den existierenden Instrumenten, nämlich Nokia Test (Vodde und Sutherland), Comparative Agility (Rubin und Cohn), Team Agility Assessment (Leffingwell) und der Scrum Checklist (Kniberg), entwickelte das Allianzteam ein Assessment, das in Einzel- oder Gruppeninterviews durch erfahrene Agile-Coaches die Agilität von Teams auch mit Bezug auf die Zielsetzung einordnet (wie agil wollen/müssen wir überhaupt sein?) und im Anschluss Verbesserungsempfehlungen gibt.

 

Agile World 2013?

TechDivision hatte zwei Vertreter auf die Konferenz geschickt, die sich einig waren: Die Agile World war ein rundherum gelungenes, tolles Event. Nach dem großen Erfolg dieser ersten Veranstaltung ist zu erwarten, dass es eine Agile World 2013 geben wird. Auch wenn es dann womöglich keine kostenlose Veranstaltung (!!!) mehr sein wird, lässt sich auf alle Fälle bereits jetzt sagen: Ein Besuch lohnt sich!

 

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