Ein Experiment - wie man eine lernende Organisation aufbaut

Wir Deutschen stehen einfach auf Regeln. Kein Land, in dem es mehr Verkehrsschilder gibt. Stolz haben wir das komplizierteste Steuersystem der Welt aufgebaut. Regeln machen das Zusammenleben klar und einfach.

Ich hatte früher aus blankem Zynismus einen Spruch auf einem Schulheft: „Regeln in der Schule schaffen ein Klima, in dem das Lernen floriert.“ Das kam damals vom Kultusministerium glaube ich. Irgendwie brachte ich Regeln und Lernen nicht zusammen. Das passte einfach nicht. Wenn es geregelt wurde, dann ist der Lernprozess doch schon vorbei. Und genau das ist das Problem mit Regulierungen: Sie sind einfach das falsche Mittel, um mit vielen Herausforderungen umzugehen. Sie sind nicht per se falsch, nur ihr überbordender Einsatz, vor allem in der Arbeitswelt. Dennoch ist es im Normalfall die erste Karte, die wir ziehen. Vielleicht, weil wir Deutschen uns so gerne an Regeln halten?

Ich glaube dass es wichtig ist, aus diesem System auszubrechen. Wie oft habe ich schon gehört: „Das müssen wir so und so machen“, „Wir müssen eine Entscheidung treffen“. Was damit verkehrt ist? Ganz einfach:

 

ES WIRD NIE WIEDER HINTERFRAGT!!!!!!

 

Keiner lernt etwas aus einer Entscheidung. Und alle denken, das ist der korrekte Weg. Man bekommt es ja von klein auf so eingetrichtert.

 

Was, wenn nicht Entscheidungen und Regeln?

Jetzt mal ganz offen und ehrlich - neunzig Prozent von dem, was wir „beschließen“, ist eine Art Experiment. Sei es nun eine neue Marketing-Maßnahme, ein neues Vorgehen im Sales, eine neue Technologie in der Entwicklung, eine andere Berechnungsmethode - oder auch eine bestimmte Art der Auswertung. Sowieso, die meisten Projekte haben Experiment-Charakter. Zumindest die spannenden. Und Kindererziehung erst; ein recht tragisches Experiment, wenn es scheitert.

Klar kann man jetzt spitzfindig und akademisch werden, was jetzt genau ein Experiment ist. Ist mir aber egal - ich will ein einfaches Wort für einen einfachen Sachverhalt: Wir kennen das Ergebnis wenig bis garnicht. Deshalb machen wir ein Experiment, um es zu „ertasten“. Für Dinge, deren Ergebnis wir kennen (z.B. „Lasse ich Leute mit Waffen ins Flugzeug?“, „Wer wird Fußball-Meister?", ...) brauchen wir kein Experiment, oder?

Zur Sache: Wie viel von dem, was man beschließt, wird nach einigen Monaten hinterfragt? Wird es schnell genug hinterfragt? Und wie viele Experimente machen wir eigentlich gleichzeitig? Können wir bei zu vielen gleichzeitigen Experimenten überhaupt noch wissen, was kausal und was lediglich koinzident* war?

Und ist genau diese Kultur der Verbesserung nicht das, was wir alle anstreben? Der Kern von Agile, Kaizen und wie sie nicht alle heißen?

 

Was tun?

Eine ganz simple Maßnahme hat sich hier bewährt: ein "Experimente-Board". Ein hübsches oder weniger schönes Zettelchen in Din-A0, völlig formlos. Es geht ja nur darum, Experimente zu sammeln, sie zu visualisieren und zu bewerten.

Es schafft Klarheit - und ein Mindset, dass wir uns „herantasten“ und es niemanden gibt, der die Weisheit mit Löffeln zum Frühstück isst und uns Antworten auf all unsere Fragen gibt. Der große Chef, der alles weiß und alles entscheidet, das ist doch ein Mythos aus dem letzten Jahrtausend. Der wurde nur fürs Fernsehen erfunden, den gab's noch nie - ehrlich! Es gibt maximal einen, der sich kümmert oder einen der sich nicht kümmert.

 

Bewertung

Die Bewertung sollte innerhalb eines passenden Zeitraums erfolgen. Aber selbst wenn man in unregelmäßigen Abständen oder nur selten bewertet, ist das immer noch besser, als es garnicht zu tun. Viel wichtiger als zu bestimmen, ob das Experiment erfolgreich war oder nicht, ist doch das Learning:

    •    Was davon hat funktioniert?
    •    Was davon hat nicht funktioniert?
    •    Haben wir es überhaupt gemacht?
    •    Wenn nein, warum nicht?
    •    Können wir neue Experimente ableiten?
    •    Müssen wir es anders formulieren, anders versuchen?

Einfach mal drüber reden und hinterfragen. Daraus lernen.

 

Transparenz

Ich glaube das wichtigste Element ist die Transparenz gegenüber einem selbst, seinem eigenen Team. Ständig zu sehen, was man alles versucht, aber auch die Erfolge zu spüren und vor Augen zu haben, dass man dran arbeitet. Macht echt Spaß!

 

Safe to fail

Nur so am Rande: Formuliert Eure Experimente nicht zu groß. Wann immer es geht, macht sie „safe to fail“. Irgendein Risiko ist immer mit Experimenten verbunden - habt aber wegen des Risikos keine Angst. Die Alternativen sind einfach zu schlecht:

    •    Gar nichts versuchen / Scheuklappen auf
    •    So tun als wüsste man, was die richtige Lösung ist
    •    Getroffene Entscheidungen spät oder nie hinterfragen
    •    Das größte Potential, das man hat verschwenden: etwas zu lernen

Macht es so dass es nicht (zu sehr) weh tut, wenn man scheitert. 

 

Fazit

Das ist ein großartiges und einfaches Werkzeug, das am Ende wirklich eine lernende Organisation ausmacht. Ich würde mich freuen, es an jeder Wand kleben zu sehen. Nicht nur in Entwicklungs-Teams - im Marketing, im Sales, in HR, einfach überall. Fangt an, all Eure Experimente, die Ihr gerade macht, aufzuschreiben. Ihr werdet überrascht sein, wieviele das sind.
 
* kausal vs koinzident macht eine Unterscheidung zwischen: Wurde es dadurch verursacht oder ist es nur eben zur selben Zeit passiert. 

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Stefan Regniet Head of CMS, Certified Scrum Professional