Transparenz – eine Streitschrift 

Es wird gemauschelt. Politik gemacht. Hinter verschlossenen Türen geredet und hinter dem Rücken. Über die Köpfe weg entschieden und unter den Teppich gekehrt. Es werden „bilaterale Abreden“ getroffen vor dem Meeting und E-Mail-cc weggelassen nach dem Meeting. Es werden Leute nicht zugezogen und Informationen selektiv verteilt. 

Die Argumente sind einfach, wenn auch nicht gut: Muss denn jeder/jede wirklich alles wissen? Bringt es was, wenn immer alle mitreden? Können die denn mit der Info überhaupt umgehen? Das macht doch nur Unruhe. Das macht alles so kompliziert. Die sollen einfach mal machen. Und außerdem: Wir sind hier nicht bei „wünsch dir was“, sondern bei „so ist es“.
 
Das alles – unter anderem – ist Intransparenz. Ein subtiles, mächtiges Phänomen. Man könnte behaupten, dass Intransparenz oft eine Folge von Nachlässigkeit, schlechter Kommunikationsstrategie, chaotischen Strukturen oder mangelhaften Prozessen ist. Kann sein. Das verschleiert aber, was der Kern von Intransparenz ist. Also was der Kern eines Mangels an Transparenz ist: Das eigentliche Gegenteil von Transparenz ist nicht Intransparenz, sondern Herrschaft. 

1. Intransparenz ist Herrschaft 

Intransparenz schafft Herrschaftswissen, Ungleichheit und Manipulation. Entweder absichtlich oder aus Versehen. Das ist nichts an sich Schlechtes. Es gibt Settings, in denen Herrschaft, Ungleichheit und Manipulation passend sein können. Versetzen Sie sich in einen entfernten Cousin der Medici am Florentiner Hof, mitten in der Renaissance. Sein Ruf nach Gleichheit, Augenhöhe und Transparenz hat ihm ein Teelöffelchen Arsen in den Wein beschert. Aus war es mit dem Cousin, requiescat in pace.
 
Gottseidank sind Organisationen der heutigen Welt keine machiavellistischer Orte von Herrschaft, Täuschung und Verrat. Oder? Sie sollten es nicht sein. Weil sie sonst eingehen werden

 

 

2. Warum wir Transparenz in der Arbeitsorganisation brauchen 

Intransparenz ist das Kavaliersdelikt unter den Herrschaftstechniken. Man hat es halt dem X noch nicht erzählt. Ist ja auch erst halb-spruchreif. Und mit der Y reden wir dann ohnehin nächste Woche. Die Entscheidung wurde schon getroffen, wir müssen sie nur noch dem Z verträglich vermitteln. Man tut nichts Böses, man lügt nicht, man diktiert nicht, man schadet nicht aktiv. Unter den Mordpraktiken wäre Intransparenz die unterlassene Hilfeleistung, wenn jemand schon blutend auf dem Boden liegt. 
 
Die heutige Arbeitswelt aber verlangt schnelles, kreatives und intelligentes Handeln aller. Weil die Kompetenzträger nicht mehr die Manager sind, sondern die, die die Arbeit machen, die Wissensarbeiter. Die heutige Arbeitswelt verlangt anpassungsfähige Struktur, intensive Kollaboration und Entscheidungsfindung nah am Geschehen. Wegen Globalisierung und Digitalisierung und Volatilität und Beschleunigung und so, Sie wissen schon. Ersparen wir uns die VUCA-Agile-Komplexitäts-Arbeiten3.0-Debatte für den Moment. Nehmen wir das einfach als gegeben hin: So ist die (Arbeits-)Welt heute.
 
In so einer Umgebung ist Intransparenz ein zerstörerisches Herrschaftsinstrument. Unser CEO Stefan Willkommer, nennt das das „Digitalisierungs-Management-Dilemma“. Im Kern sagt es, dass die digitalisierte Post-Moderne das klassische Management obsolet macht. Klassisches Management, tut mir leid, ist Herrschaft. Und auch diese Diskussion, dass Management Herrschaft sei, führen wir anderswo zu genüge, lassen wir`s, ich will hier nur auf die Transparenz hinaus.

3. Was Intransparenz anrichtet 

Intransparenz ist ein Phänomen, das beinahe sämtliche Aspekte der innovativen neuen Arbeitskultur zunichte macht, all die Dinge wie agile Ansätze, Soziokratie, New Work usw. Die intrinsische Motivation, die wirkungsvolle Team-Zusammenarbeit, das Prinzip der Entscheidung nah am Kunden, die psychologische Sicherheit, die zu intelligenter Kreativität führt, all das. Weil Intransparenz für ein „wir“ und „die“ sorgt, statt für ein wir, für ein Gefälle zwischen den Wissenden und den (Noch-)Nicht-Wissenden, eine Hierarchie, an der so bösartig ist, dass man sie nicht sieht.
 
Deshalb mein Plädoyer: Leben wir Transparenz in Ihrer Organisation. Es ist oft schwierig, unangenehm, eine Gratwanderung zwischen Offenheit und Lärmpegel, Objektivität und Subjektivität, doch es ist ein Weg in eine menschenwürdige, leistungsfähige Gemeinschaftskultur. 

 


Letztlich geht es vor allem um Vertrauen. Wenn ich vertraue, muss ich nicht alles wissen und überall mitreden. Wenn ich überall mitreden will, dann vielleicht, weil ich nicht vertraue? Das Buch „Radical Candor“ finde ich lesenswert in dem Zusammenhang

4. Und wie ist man transparent? 

Pellen wir die Zwiebel, was ist denn transparent und was nicht? Transparenz heißt nicht, dass jeder von jedem alles weiß. Transparenz heißt nur, dass jeder weiß, dass ihm nichts verheimlicht wird, was ihn betrifft. 
 
Transparenz heißt auch nicht, dass ich überall mitreden muss. Transparenz muss heißen, dass ich weiß, wann ich vertrauensvoll nicht mitreden muss. Warum dauert die Diskussion über den Fahrradschuppen 50x so lang wie die über ein neues Atomkraftwerk? Transparenz kann nicht bedeuten, dass wir alle über jedwede Trivialität im Kreis diskutieren, sondern dass wir wissen: Wir sind im Bilde. Wir können vertrauen. Transparenz ist kein Zwang zur Partizipation, sondern ein Garant für Vertrauen. Das Vertrauen, dass unser „Facilities Management“ die Sache mit den Fahrradschuppen selber regeln kann im Sinne aller. Transparenz setzt erwachsene Teilnehmer voraus. Ich bleibe meinem Fünfjährigen gegenüber vage, ob es den Weihnachtsmann gibt. Nicht aber meinen Kollegen gegenüber.

5. Todo ab morgen 

Wenn eine Information, eine Entwicklung, eine Neuigkeit jemanden betrifft… dann soll die Person sie erfahren. Der Firma geht es schlecht, wir wissen nicht, ob wir nächsten Monat die Gehälter zahlen können? Transparenz heißt, das ansprechen und am Ende muss ein gemeinsames Tschagga stehen: Wir schaffen das. Wir haben die Einstellung eines zusätzlichen Mitarbeiters versprochen, es zieht sich aber wegen diesem und jenem und tralala? Transparenz heißt, das ansprechen, keine Vernebelung, keine Hinhalte-Salami-Taktik, kein Info-Filtern, kein Schönreden. Wir dürfen nicht vergessen: Wir haben es mit erwachsenen Menschen zu tun. Wenn wir Commitment, Verantwortung und Treue erhalten und halten wollen, indem wir sie behandeln wie Unmündige – dann müssen sie sich am Ende wie Unmündige verhalten oder gehen.

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