Neos.io – Die Content Application Plattform – Interview mit dem Projekt-Urgestein Karsten Dambekalns

Was ganz ursprünglich mal als legitimer Nachfolger des Open Source Content Management Systems TYPO3 vorgesehen war und seit Ende 2013 in Version 1.0 das Licht der Welt erblickt hat, hat sich in den letzten Jahren “heimlich still und leise” äußerst erfolgreich weiterentwickelt und steht ganz aktuell in der jetzt erschienenen Version 5.0 zur Verfügung. Die Rede ist vom Content Management System Neos, das immer häufiger bei anspruchsvollen Projekten zum Einsatz kommtund inzwischen als sogenannte Content Application Platform bezeichnet wird.
 
Wir haben mit einem der Mitgründer und Softwarearchitekten des Neos-Projektes, Karsten Dambekalns, über die bisherige Entwicklung, den Status Quo und die Zukunft des Open Source Systems gesprochen.

Hallo Karsten, stellt Dich doch bitte kurz vor. Wer bist Du? Was hast Du für einen Background und welche “Aufgabe” hast Du bei Neos?
 

Ich entwickle seit 2000 in PHP, habe also in dem Bereich schon so einiges an Veränderungen miterlebt – immerhin habe ich sogar noch ein wenig mit PHP 3 programmiert. Wenn man sich da PHP 7 ansieht, ist die Sprache doch deutlich leistungsfähiger und schöner geworden. Neos habe ich bereits begleitet, als es noch gar keinen Namen hatte. Es wurde ja als “das neue TYPO3” gestartet, und obwohl relativ schnell klar wurde, dass da eine große Lücke entsteht, trennten sich die Projekte ja erst nach einigen Jahren auf.

Meine Rolle war zu Beginn die des universellen Projekt-Kenners und Alles-Entwicklers, mit einem Fokus auf alles rund um Datenbank und Persistenz. Mit dem Wachstum des Teams in den letzten Jahren hat sich meine individuelle Bedeutung natürlich reduziert. Wir haben jetzt viel mehr Personen im Projekt, die ihren Teil zur Entwicklung beitragen, sowohl was den Code angeht, als auch die anderen Dinge, wie Organisation und Marketing. So kann ich stärker begleiten und versuchen, die grobe Richtung im Auge zu behalten, ohne der Illusion der Unersetzbarkeit zu erliegen – das Projekt lebt auch ohne mich weiter!
 

Du warst früher ja auch sehr stark in die TYPO3 Community und das Core Team integriert. Was ist denn aus Deiner Sicht bei Neos anders bzw. wo siehst Du die größten Unterschiede?
 

Der größte Unterschied hat sich in der Gründung der TYPO3 GmbH manifestiert, Neos ist nach wie vor ein Projekt, in dem es keine Firma in zentraler Rolle gibt. Das ganze Team mit all seinen Einzelpersonen trifft die Entscheidungen, es gibt keine Gründe, finanzielle oder Marketing-Erwägungen die “Steuerung zu überlassen”. Natürlich spielt auch im Neos-Projekt Geld eine Rolle, aber wir haben dort mit der Neos Foundation CIC ganz bewusst einen nicht profitorientierten Weg gewählt, um einerseits Fundraising und Finanzierung und andererseits auch die Sicherung von Dingen wie Markenrechten zu realisieren.
 

Wie seid Ihr denn im Neos-Team organisiert? Was muss ich denn machen, wenn ich mich aktiv am Neos-Projekt beteiligen möchte? Geht das überhaupt, wenn ja was muss ich hierzu mitbringen (ist das nur für Entwickler möglich) und wie gehe ich am besten vor?
 

Natürlich geht das! Neue MitstreiterInnen sind jederzeit gern gesehen. Auf der Website des Projektes gibt es einen Community-Bereich. Dort stellen wir unsere Teams vor, beschreiben Kontaktmöglichkeiten und erläutern Bereiche, in denen Mitarbeit möglich ist. Besonders am Neos-Team sind die Werte, von denen wir uns und unsere Arbeit leiten lassen. Diese haben sich im Laufe der Zeit herauskristallisiert und wurden dann gemeinsam formuliert. Wer sich darin wiederfindet, sollte sich schnell in der Community wohl fühlen! Was den konkreten Einstieg angeht: Einfach mal die nächste Idee, sei es für Marketing, Code, eine Veranstaltung oder die Dokumentation, in die Community tragen. Dies kann über das Diskussionsforum, unseren Slack-Chat oder ganz “klassisch” per GitHub-Pull-Request geschehen. Wichtig ist, keine Scheu zu haben und sich Gehör zu verschaffen. Denn am schnellsten kommt man durch aktives Tun ans Ziel, nicht durch das Warten auf eine “Erlaubnis”…

Mitbringen muss man vor allem Kreativität, die Fähigkeit zur Teamarbeit und den Willen sich und andere durch konstruktive Kritik voranzubringen. Im Team diskutieren wir gern und viel, halten dies aber immer auf der sachlichen Ebene. Wer also bereit ist, zu lernen, muss nicht viel mehr mitbringen.
 

Version 1.0 von Neos CMS wurde ja im Dezember 2011 gelauncht. Seither ist einiges passiert und inzwischen steht Neos 5.0 in den Startlöchern. Kannst Du hier nochmal auf einige Highlights aus der bisherigen Neos Zeit eingehen?
 

Das gab es schon einige Meilensteine: Mehrsprachigkeit, wobei es bei Neos mit den Content-Dimensions ja über “Sprache” deutlich hinausgeht. Dann die Funktionen zur Nutzung mehrerer Workspaces, auch geschachtelt. Fusion ist immer besser geworden und AFX (Atomic Fusion) setzt dem die Krone auf. Die Integration von Elasticsearch ist immer besser geworden und zu guter Letzt haben wir mit der neu geschriebenen, ReactJS-basierten UI einen großen Wurf getan.
 

Inzwischen bezeichnet Ihr Neos ja nicht mehr als Content Management System (CMS), sondern als Content Application Platform. Nur ein Buzzword um sich abzugrenzen oder steckt hier mehr dahinter?
 

Nein, es ging tatsächlich darum, einen Unterschied auszudrücken. Neos kommt mit einer sehr “schlanken” Ausstattung an Inhaltselementen. Wo andere Systeme mit Slidern, Bildergalerien, Zitat- und Karten-Elementen aufwarten, gibt es in Neos nur wenig “out of the box”. Daraus ergibt sich aber: als Nutzer kann – fast schon muss – ich genau die Elemente definieren, die ich brauche. Dies ermöglicht den Redakteuren einen passgenauen Workflow, erlaubt es mir, Daten semantisch anzureichern, kurz: genau die Applikation zu entwickeln, die ich brauche. Und eben nicht nur Inhalte zu verwalten.


Welche Kundengruppen/Unternehmen möchtet Ihr mit Neos adressieren und wo siehst Du den Vorteil (USPs) gegenüber anderen Systemen wie TYPO3, Drupal, Wordpress oder auch etwas anderen Ansätze wie Contentful?
 

Da muss ich ganz ehrlich sein: Wir haben in der Vergangenheit versucht, unsere Zielgruppen zu definieren, sind aber immer wieder gescheitert. In der Praxis sehen wir, dass Neos von kleinen Kunden genutzt wird – ebenso aber auch von großen Unternehmen. Es finden sich kleine “Visitenkarten” im Netz unter den Projekten, aber auch Websites, mit denen im großen Stil Kundenbindung und -interaktion betrieben wird – bis hin zu mit Neos implementierten komplexen Onlineshops.

Was die Unterschiede angeht, so ist es bei Neos vor allem die Flexibilität gepaart mit einer gewissen Einfachheit. Wer neu einsteigt, den empfängt das System zwar mit einer Reihe an Konzepten und Konventionen, aber wenn man ehrlich ist, trifft das auf jedes neue System zu. Als ich vor über 15 Jahren mit TYPO3 angefangen habe, konnte ich auch oft den Wald vor lauter Bäumen nicht sehen. Hat man den Einstieg aber geschafft, ist es eben diese Flexibilität, die Neos auszeichnet. Man muss nicht das Projekt irgendwie in das Produkt hineinpressen, sondern kann mit Neos das Projekt passgenau umsetzen. Oft ist es ja so, dass die ganzen Funktionen, die ein Produkt schon mitbringt, mit einem Aufwand angepasst werden müssen, der einer Neuentwicklung nahe kommt… Und gegenüber Systemen wie Contentful bietet Neos den Vorteil, dass es eben nicht nur Headless ist, sondern “die andere Seite” des Projektes mit abdecken kann, ohne einen Bruch in der Technologie zu erzwingen.

 

Eines der Buzzwords im Webumfeld hört ja auf den schönen Namen “Headless”, wobei hier hoffentlich nicht die Art der Entwicklung gemeint ist! ;-) Kannst Du uns diesen Ansatz kurz erklären? Inwiefern berücksichtigt Neos ebenfalls eine Headless-Architektur?
 

Headless nennt man ein CMS, wenn es sich nur um die Pflege der Inhalte kümmert, die Auslieferung bzw. Darstellung aber anderen Systemen überlässt. Dies können beispielsweise Smartphone-Apps sein, aber auch andere Websites oder Social-Media-Kanäle. Neos ist – durch die flexiblen Ausgabemöglichkeiten – eigentlich immer schon als Headless-CMS einsetzbar. Denn genau wie die Möglichkeit, die Inhalte frei zu strukturieren, ist auch die Ausgabe flexibel: ganz klassisch als HTML, aber auch JSON oder GraphQL sind möglich. Das wird in vielen Projekten auch bereits genutzt, um Inhalte “anders” auszuliefern.

Der umgekehrte Weg geht auch – Neos an andere Systemen anzuknüpfen, Inhalte zu importieren um dann nur die Ausgabe über Neos zu realisieren. Es ist also für beide Szenarien nutzbar!
 

Du hast jetzt die Möglichkeit einen kurzen Neos Pitch zu machen. Warum sollte ein Kunde auf Neos CMS anstatt anderer und verbreiteterer Technologien setzen?
 

Verbreitung ist kein Garant für bessere Technologie oder den passenden Ansatz. Und ein System nur zu nutzen, weil alle anderen es auch tun, ist zu einfach. Wo bleibt da das Abenteuer? ;)

Ich würde Neos auf jeden Fall in Betracht ziehen, weil es die Möglichkeit bietet, genau die Funktionen den Redakteuren zur Verfügung zu stellen, die nötig sind. Damit ist sichergestellt, dass semantisch sinnvoll gearbeitet wird und nicht aus dem Design ausgebrochen werden kann. Gleichzeitig kann auf Änderungswünsche aber sehr schnell und nahezu “grenzenlos” eingegangen werden, so dass eine iterative Entwicklung von Technikern und Redakteuren gemeinsam erfolgen kann.
 

Neos 5.0 wurde vor kurzem gelauncht. Kannst Du hierzu ein paar Worte zu den Schwerpunkte und Highlights der neuen Neos-Version verlieren?
 

Neos 5.0 ändert sich vor allem unter der Haube. In “unserer Welt” ist ein Major-Release ja nicht das Ergebnis einer Marketing-Kampagne, sonder technischer Natur: es gibt “breaking changes”; d. h. als Nutzer muss ich Hand an meinen Code anlegen. So sind viele der Änderungen eher technischer Art und stellen die Weichen für die Zukunft.

Es gibt aber auch konkrete Vorteile und Funktionen in der neuen Version. Die UI hat sich neben optischen Änderungen auch in der Benutzung stark verbessert. Und die Verwaltung von Redirects hat sich ebenfalls grundlegend zum Besseren gewandelt. Der größte Teil der Änderungen betrifft aber die Entwickler – es wurden zahlreiche veraltete Funktionen und Programmteile entfernt, so dass das Entwickeln mit Neos und Flow noch einfacher ist und mehr Spaß macht. So etwa die Nutzung des Standards PSR-7 in Flow, mit dem eine einfachere Integration anderer PHP-Anwendungen möglich ist, oder die neue Integration von Fusion in den MVC-Stack.
 

Werfen wir einen Blick in die Glaskugel. Wo steht Neos in 12 sowie in 24 Monaten? Was sind Eure Ziele? Wo liegt Euer weiterer Schwerpunkt in der Weiterentwicklung?
 

Das aktuell wichtigste Projekt für das Neos-Team ist wohl das neue Content-Repository. Es ist eine komplette Neuentwicklung, basierend auf Event-Sourcing, und wird uns in der Zukunft die Entwicklung von Dingen ermöglichen, die wir auf der aktuellen Version kaum aufsetzen können. Da bin ich sehr gespannt, wie es weitergeht. Das Thema Dokumentation ist ebenfalls im letzten Jahr in Fahrt gekommen und wird sicher weitergehen. Und da Dokumentation immer ein Schlüsselthema ist, wenn es um die Verbreitung eines Systems geht, habe ich Hoffnung, dass daraus auch neue Nutzer, spannende Projekte und letztlich neue Features für Neos erwachsen.

 

Karsten Dambekalns

Wurde in München geboren, ist aber inzwischen zum Norddeutschen mutiert, er lebt mit seiner Familie in Lübeck. Von einer Anstellung bei TechDivision abgesehen war er immer selbstständig und entwickelt seit fast 20 Jahren Software mit PHP. Nach dem Einstieg in das TYPO3-Projekt folgte der Umstieg in das, was heute das Neos-Projekt ist. Mit seiner Firma Flownative bietet er heute Hilfe, Entwicklung und Hosting rund um Neos und Flow an.

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