Offener Brief an den Präsidenten des Lehrerverbandes Josef Kraus

Die letzten Tage bin ich mehrmals über eine Meldung gestoßen, dass der Lehrerverband doch tatsächlich fordert, anstatt Gelder in Computer und WLAN zu investieren, wieder mehr Bücher zu kaufen. Als Vater von zwei Kindern – wobei eines davon seit September (aktuell noch mit viel Freude) die Schule besucht – muss ich dazu jetzt doch meinen „Senf“ geben:

 

Sehr geehrter Herr Kraus,

mit einer Mischung aus Unverständnis und Verärgerung habe ich Ihre Forderung der letzten Tage zur Kenntnis genommen, dass sie der Auffassung sind, es sei besser, wieder mehr Geld in Bücher als in Computer und WLAN in Klassenzimmern zu investieren. Eine solche Aussage von jemanden, der für die Bildung unserer Kinder eine nicht unwesentliche Rolle spielt, halte ich nicht nur für gewagt, sondern auch für äußerst dumm.

Ich gebe Ihnen absolut Recht, dass Bücher einen extremen Wert darstellen und es Kinder/Jugendlichen auch zukünftig möglich gemacht werden muss, möglichst frühzeitig mit Büchern in Kontakt zu kommen und damit Arbeiten zu lernen. Allerdings lässt sich die fortschreitende Digitalisierung nicht aufhalten und die Welt dreht sich immer schneller. Die Aufgabe von uns Eltern und natürlich auch den Lehrkräften besteht doch darin, unsere Kinder auf die aktuellen Gegebenheiten und Anforderungen bestmöglich vorzubereiten und da gehört nunmal ein Rechner, ein Smartphone und Internetzugang zum täglichen Leben, wie Wasser und Strom.

In einem Interview haben sie kürzlich anscheinend angemerkt, dass sie die Euphorie ums Digitale nicht nachvollziehen können. Natürlich muss man hier ein Stückweit aufpassen, dass die Aussage der Bildungsministerin Johanna Wanka, wonach sie bis 2021 rund 5 Mrd. Euro in die Digitalisierung von Schulen stecken möchte, nicht als plumpe Wahltaktik missbraucht wird. Allerdings kann ich die Argumentation des Lehrerverbandes, dass es sich hiermit um ein Konjunkturprogramm für die Computerindustrie handle, absolut nicht nachvollziehen. Auch wenn Sie und manch ein/eine Kollege/in von Ihnen das Ganze nicht nachvollziehen kann, werden sie den Lauf der Zeit damit nicht stoppen können, sondern vielmehr die Weiterentwicklung unserer Kinder gefährden.

Die Krönung finde ich allerdings folgende Auffassung: „Schule muss die jungen Leute von der Vorstellung abhalten, mit Hilfe moderner Medien könne man sich mühelos und punktuell die gerade gebrauchten Informationen einholen.“

Lieber Herr Kraus, es ist nicht nur eine Vorstellung sondern eine Tatsache, dass junge Leute mit Hilfe moderner Medien mühelos und punktuell die gerade gebrauchten Informationen einholen können und das werden sie auch nie mehr ändern können. Es ist Ihre Aufgabe und die Aufgabe Ihrer Kollegen und Kolleginnen aber auch uns Eltern, sich auf diese Situation einzustellen und den Unterricht und das täglichen Leben vor und nach dem Unterricht entsprechend zu gestalten. Mehr noch – es ist nach meiner Auffassung auch die Aufgabe der Schule/Lehrer, die neuen Medien, möglichst geschickt in den Unterricht zu integrieren. Dies „beisst“ sich nach meiner Auffassung im übrigen auch überhaupt nicht damit, dass Bücher trotzdem und auch weiterhin eine wichtige Rolle in der Bildung und darüberhinaus spielen (können).

Ehrlich gesagt, macht es mir Angst, wenn ich mir überlege, dass ich meine Kinder in die Hände von Leuten geben soll, die solch antiquierte Vorstellungen haben. Auf der anderen macht es mir aber auch wieder Mut, wenn ich mir die junge Lehrerin meiner Tochter und deren Vorstellungen und Unterrichtsweise ansehe. Vielleicht wäre an der Stelle im Lehrerverband auch mal ein Tapetenwechsel angesagt….

Nicht nur durch meine Arbeit, wird mir täglich auf´s Neue gezeigt, dass wir uns mitten in der vierten industriellen Revolution befinden, die noch massiver und schneller verlaufen wird als alles bisher dagewesene. Auf diese Entwicklung muss sich auch die Schule einstellen, denn die Digitalisierung wird sicherlich auch nicht vor der Schule halt machen.

Insofern würde ich Sie schon bitten, sich mit den Fakten und aktuellen Entwicklungen intensiv auseinander zu setzen und zumindest ein bisschen über den Tellerrand zu blicken. Dass sich Bildung und Web aus meiner Sicht perfekt ergänzen können, zeigt beispielsweise auch der YouTube-Channel (YouTube ist eine Video-Plattform, auf die man Video hochladen und so der Welt zugänglich machen kann) von Daniel Jung, der damit Mathe-Nachhilfe gibt und über diesen Weg im Monat bis zu 3 Mio. (!!!) Aufrufe generiert. Da sind sicherlich nicht nur Lehrer dabei… 😉

Im Arbeitsleben wird beispielsweise auch die Weiterbildung immer häufiger digitalisiert – mit sehr großem Erfolg für alle Beteiligten. Ich werde beispielsweise ab November eine 5-monatige Weiterbildung machen, die ausschließlich online abläuft und die es mir ermöglicht, nicht nur von überall aus zu lernen, sondern auch internationale Kontakt zu knüpfen. Warum soll dieser Ansatz und solche Möglichkeiten in der heutigen Zeit also nur für Erwachsene gelten?

Ich hoffe sehr, dass es sich bei den mir bekannten Aussagen und Auffassungen des Lehrerverbandes zu diesem Thema entweder um eine falsche Auffassung meinerseits handelt oder hier inzwischen eine gewisse Einsichtigkeit eingesetzt hat. Andernfalls kann ich nur sagen – gute Nacht Bildungsdeutschland und „vielen Dank“ an die Nostalgiker und Romantiker unter den Lehrern….

Sollten Sie hierzu Fragen haben oder hierzu „live“ diskutieren wollen, stehe ich natürlich jederzeit gerne zur Verfügung.

 

Mit freundlichen Grüßen
Josef Willkommer

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