Wenn der Wind des Wandels weht, bauen die einen Schutzmauern, die anderen Windmühlen

Dieser chinesische Aphorismus passt aus meiner Sicht perfekt auf die deutsche Wirtschaft und hier insbesondere den Handel. Das gilt natürlich nicht pauschal und Gott sei Dank gibt es auch einige positive Beispiele. Ein nicht unwesentlicher Teil der deutschen Einzelhändler hat allerdings immer noch nicht die Zeichen der Zeit erkannt und die Uhr tickt….

So zeigt eine aktuelle Bitkom-Umfrage in Bezug auf die digitale Transformation aus meiner Sicht doch erschreckendes. Nur 18 Prozent der Unternehmen mit 20 bis 499 Mitarbeitern haben bereits Beratungsleistungen zur digitalen Transformation des eigenen Geschäfts in Anspruch genommen, gerade einmal 6 Prozent planen das für die Zukunft. Drei Viertel der Mittelständler (75 Prozent) geben an, dass das für sie kein Thema ist.

Besonders wenig Interesse an Beratungsleistungen zur Digitalisierung gibt es im Handel, hier haben 76 Prozent der Unternehmen keine externe Hilfe in Anspruch genommen, jeweils 12 Prozent planen, sich Unterstützung zu holen, oder haben dies bereits getan. Bei den Dienstleistern und in der Industrie sieht das Bild dagegen völlig anders aus. Hier liegt die Zahl der Unternehmen, die sich externe Hilfe dazuholen im Vergleich zum Handel bei mehr als dem Doppelten. 

Woran liegt das? Hier kann man nur mutmaßen. Es ist sicherlich so, dass es dem Handel in den letzten Jahrzehnten in vielen Bereiche recht gut ging. Die Konkurrenz war meist überschaubar und der Kunde auf die Beratung des Handels angewiesen. Inzwischen hat sich die Situation jedoch grundlegend verändert und möglicherweise möchte der eine oder andere Händler dies einfach nicht wahrhaben. Anders kann ich mir die vielfach vorhandene Passivität und Lethargie einfach nicht vorstellen und ich wundere mich dann doch immer wieder über manche Aussagen, die man gerade von mittleren und kleineren Händlern erhält. “Das Internet macht uns kaputt oder hat uns kaputt gemacht….”. 

Dem muss ich massiv widersprechen. Meine These ist hier eine andere. Die mag jetzt vielleicht etwas hart klingen, aber ich stehe dazu: “Die Komfortzone, in der sich der klassische Handel viele Jahre befunden hat, hat zu Bequemlichkeit und in manchen Fällen auch zu Hochnäsigkeit geführt. In einer transparenten Welt des Wandels sind dies äußerst ungünstige Faktoren.” 

Auf der einen Seite wird Amazon, Zalando & Co. an den Pranger gestellt und als Sargnagel für den klassischen Handel abgestempelt, auf der anderen Seite sieht man dann häufig tatenlos zu, wie “die jungen Wilden” die Ärmel hochkrempeln und durch Engagement und Kreativität sowie die Nutzung der inzwischen vorhandenen und extrem mächtigen Technologien coolen “Shit” produzieren und dabei - wie es sich für einen inzwischen meist vorhandenen Käufermarkt gehört - auch den Kunden im Fokus haben. Ganz aktuelles Beispiel dazu ist wiedermal ein Ansatz von Amazon namens Amazon Go:



Warum kommt sowas von einem Technologieunternehmen wie Amazon. Es gibt diverse Handelsriesen, die genügend Zeit und auch Geld gehabt hätten, sich Gedanken über die Zukunft des Einkaufens und eine clevere Nutzung moderner Technologien zu machen….

Erfahrungen mit dem Einzelhandel aus der Praxis

Zur aktuellen Situation im Einzelhandel fallen mir zwei konkrete Beispiele ein:

Mein Vater ist Mitte/Ende sechzig und inzwischen in Pension. Als begeisterter Hobbysportler, war er auf der Suche nach einem Stützgelenk für sein lädiertes Knie. An der Stelle sollte ich vielleicht noch erwähnen, dass mein Vater ehemaliger Beamter ist (no offence, dad ;-)) und alles andere als der typische Schnäppchenjäger, der auf der Suche nach den letzten paar Prozent Rabatt ist. Er nutzt das Internet privat für Nachrichten, Recherchen, Emails etc. und kauft auch hin und wieder mal was ein, dann aber eher solche Klassiker wie Bücher.

Er fuhr also mit seinem “Problem” in die Stadt und ging ins führende örtliche Sanitätshaus. In diesem Fall hatte er sich - was mich persönlich auch erstaunt hatte - vorab im Internet bzgl. solcher Produkte und Preise recherchiert. Nach rund 25 Minuten Fahrzeit und der Suche nach einem Parkplatz erklärte man ihm in diesem Geschäft dann kurz und knapp - von der häufigen zitierten, professionellen und freundlichen Beratung leider kaum eine Spur - dass es hier ein Produkt zum Preis x gibt. Dieser Preis lag bei mehr als dem Doppelten der vorab recherchierten Preise. Darauf angesprochen reagierte die Verkäuferin gereizt und meinte dann wohl nur ganz knapp, dass er das Produkt dann halt online kaufen müsse und das Internet ja eh das Geschäft zerstört. Jetzt kann man natürlich argumentieren, dass hier möglicherweise Äpfel mit Birnen verglichen wurden, wobei ich folgende Anmerkungen machen möchte:

  • Warum hat die Verkäuferin meinen Vater dann nicht entsprechend aufgeklärt und ihm die Vorzüge ihres Produktes erläutert und damit den Preis gerechtfertigt?
  • Warum gibt es dann nur ein (hochpreisiges) Produkt und keinerlei Optionen?
  • Warum wird hier wieder mal auf das doch so böse Internet verwiesen?


Bei besagtem Händler handelt es sich um ein Traditionshaus, das quasi eine Institution darstellt. Wenn ich sowas höre, muss ich jedoch eher formulieren, das eine Institution darstellte…..Ein weiteres Beispiel aus der Praxis: Ich hatte vor ca. 8 Jahren (!!!) ein Gespräch mit einem örtlichen Händler, der in seinem Bereich ebenfalls die erste Adresse in der Region darstellt und auch ein absolutes Traditionshaus ist.

Damals ging es um die Frage ob und in welcher Form man ins Internet einsteigen soll. Zum damaligen Zeitpunkt wäre man sicherlich genau zur richtigen Zeit eingestiegen und hätte ein entsprechendes Online-Business von Grund auf und entsprechend nachhaltig aufziehen können. Aus Kostengründen entschied man sich damals gegen eine entsprechende Webpräsenz mit Online-Shop. Bis heute hat sich an dieser Situation nichts verändert - mit Ausnahme der Tatsache, dass auch hier inzwischen großes Web-Bashing angesagt ist. Von Einsicht keine Spur!

Es gibt auch positive Beispiele

Dann aber gibt es - wie bereits angedeutet - auch positive Beispiele, die den Kopf nicht in den Sand gesteckt haben bzw. statt einer Schutzmauer eine Windmühle gebaut habe um bei der Überschrift zu bleiben.  

Dazu gilt eine grundsätzliche Überlegung: „Me-too“ macht in den seltensten Fällen und insbesondere in der heutigen Zeit Sinn, hier sollte man eher in Richtung Nischenanbieter überlegen – und Nischen gibt es nach wie vor mehr als genügend. Hierzu ein Beispiel aus Niederbayern – Mode Schödlbauer: es handelt sich hier um einen regionalen Modehändler aus der Nähe von Cham, der mit www.hemdenmeister.de neben einem „allgemeinen“ Schödlbauer-Onlineshop recht erfolgreich ein ganz spezifisches Sortiment online abdeckt sowie eine damit verbundene sehr spezifische Kundengruppe adressiert. Das Unternehmen ist damit äußerst erfolgreich!



Ein weiteres Beispiel stammt aus meiner Heimatstadt Rosenheim. Hier gibt es ein kleines aber feines Stoffgeschäft, das seit Ewigkeiten existiert. Die jetzigen Inhaber haben bereits zu Beginn des Online-Hypes das Potential und die Möglichkeiten dieses Mediums erkannt und eine eigene Firma gegründet, die Anfangs einen Modeshop für einen Hersteller exklusiv betrieben hat. Dieses Business ist in den letzten Jahren massiv gewachsen und so betreut bzw. betreibt man inzwischen für eine Handvoll durchaus bekannter Marken deren Online-Business mit allem was dazugehört, d.h. der Hersteller erhält hier eine Rundum-Betreuung von absoluten Profis. Dass auch dieses Geschäftsmodell nicht frei von Problemen ist, dürfte klar sein, dennoch behaupte ich auch, dass eine derartige  Unternehmensentwicklung ohne die frühzeitige und konsequente Entscheidung auf das Web zu setzen in der Form sicherlich nicht möglich gewesen wäre.

Ein Punkt dazu ist aber auch besonders wichtig: Ein „leidendes“ Geschäft kann man nicht damit retten, dass man eine Webseite oder einen Onlineshop davor- oder dazuschaltet. Zu erfolgreichem E-Commerce gehört deutlich mehr als nur ein Online-Schaufenster. Man benötigt entsprechende Strukturen und Prozesse sowie natürlich auch eine professionelle Vermarktung. Und man braucht entsprechende Mitarbeiter. Darin liegt aber auch wieder eine Chance für Unternehmen. 

Digitale Transformation - Was bitte?

Ob man sich als mittelständisches Unternehmen für eine solchen Transformationsprozess nun externe Hilfe holt oder nicht, bleibt natürlich jedem Unternehmen selbst überlassen. Die Erfahrung zeigt, dass ein Externer hier einfach unbelastet und mit einem frischen Blick auf das Unternehmen und dessen Umfeld an die Sache herangeht, womit die Chance auf erfolgreiche Ansätze steigt da “der Prophet im eigene Land meist nichts Wert ist.” Wichtig ist aus unserer Sicht nur, dass man sich mit der aktuellen Situation ernsthaft auseinandersetzt. Man wird den Status Quo nicht zurückdrehen und die vorhandene Dynamik nicht aufhalten können, man muss sich damit arrangieren. Auch heute können noch in nahezu allen Bereichen statt Schutzmauern auch noch Windmühlen gebaut werden. Man muss dies aber auch wollen und den eingeschlagenen Weg konsequent verfolgen. An der Stelle noch ein Hinweis: Die digitale Transformation bedeutet dabei auch nicht zwingend, dass ein Online-Shop implementiert werden muss.

Unter dem nachfolgenden Link haben wir eine umfassende Infografik erstellt, die den Status Quo in Deutschland beleuchtet und aus der für nahezu alle Bereiche und Unternehmen Ableitungen getroffen werden können: Infografik zur Digitalen Transformation

Wir verstehen unter diesem Begriff, der häufig auch mit Digitaler Business Transformation gleichgesetzt wird, die Wandlung eines Unternehmens und der vorherrschend noch analogen Tools und Prozesse hin zu einer weitestgehend digitalisierten Abwicklung durch Nutzung modernster Technologien, wobei dieser Shift zum Teil massive strukturelle, prozessseitige- und auch mitarbeiterrelevante Auswirkungen haben wird und demnach aus folgenden drei Hauptkomponenten besteht:

  • IT-Infrastruktur
  • Prozesse
  • Mitarbeiter

Diese Komponenten können auf zwei Bestandteile reduziert werden, da Mitarbeiter und Prozesse sehr eng miteinander verknüpft sind, wodurch nachfolgende Matrix mit vier Ausprägungen einen vereinfachten ersten Einblick eines Transformations-Status-Quo wiedergibt:


NEWBIES

Als Newbies bezeichnen wir Unternehmen, die zwar die Wichtigkeit einer Transformation erkannt haben, jedoch sowohl im Bereich Mitarbeiter und Prozesse als auch im Bereich der IT/Technologie noch am Anfang eines solchen Change-Prozesses stehen.

HR-PIONEERS

Darunter fallen Unternehmen, die im Mitarbeiter- und Prozessumfeld bereits die Weichen gestellt haben und sich dort auf die Herausforderungen der Digitalisierung weitgehend vorbereitet haben. Hier besteht allerdings noch deutlicher Nachholbedarf im Bereich der Technologie/IT.

TECH-PIONEERS

Wir bezeichnen Unternehmen, die technologisch die fortschreitende Digitalisierung bereits in größeren Teilen vorangetrieben haben, bei denen es jedoch noch signifikanten Nachholbedarf im Bereich Personal und Prozesse gibt.

TRANSFORMERS

Die von uns als Transformers bezeichneten Unternehmen haben sowohl im Bereich der Technik als auch im Personal- und Prozessumfeld frühzeitig die Zeichen der Zeit erkannt und sich entsprechend aufgestellt, wodurch diese First-Mover-Unternehmen als erste von der weiter fortschreitenden Digitalisierung profitieren werden.

Fazit

Nutzen Sie das Jahr 2017 um sich mit Möglichkeiten der Digitalisierung in Ihrem Umfeld intensiv zu beschäftigen - ob ausschließlich intern oder mit Hilfe von externen Partner bleibt dabei natürlich vollkommen ihnen überlassen. Wichtig ist aus meiner Sicht nur, dass das Thema von der Geschäftsleitung getragen und gepushed wird. Es gibt nach wie vor unzählige Möglichkeiten das Web und die vorhandenen Technologien für sich optimal zu nutzen - als Vertriebskanal, als Marketingkanal und als Optimierungskanal in dem Prozesse vereinfacht und digitalisiert werden. Nutzen Sie diese Chancen und nutzen Sie sie bald!

Randnotiz: Ja, wir bieten Beratungsleistungen rund um die Digitalisierung an und nein, wir möchten Ihnen nicht zwingend etwas verkaufen!

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