TechDivision ist live in Las Vegas dabei. Der zweite Tag des Adobe Summit 2026 in Las Vegas hat eines unmissverständlich klargemacht: Agentic AI ist kein Buzzword mehr. Es ist Infrastruktur. Adobe zeigt, wie Marken, Daten und KI-Agenten zu einem operativen System zusammenwachsen – und Unternehmen wie Procter & Gamble oder Dick’s Sporting Goods machen vor, was das konkret bedeutet.

Vom Hype zum System: CX Enterprise als Betriebsplattform
CMO Rachel Thornton eröffnete den zweiten Tag mit einem klaren Rahmen: Customer Experience Orchestration ist nicht länger ein Projekt – es ist das Betriebsmodell für Marken im KI-Zeitalter. Adobe CX Enterprise verbindet Kundendaten, kreative Inhalte und personalisierte Journeys zu einem geschlossenen System, das den gesamten Customer Lifecycle abdeckt: von der Neukundengewinnung über Conversion bis hin zu Loyalität.
Die Einführung des Adobe-CX-Coworkers war dabei mehr als eine Produktankündigung. Es ist der Versuch, die Fragmentierung zwischen Daten, Systemen und Kanälen strukturell zu lösen – nicht durch mehr Integrationen, sondern durch einen autonomen Agenten, der diese Arbeit übernimmt.

Shailesh Jejurikar (P&G): „AI ist keine Option mehr – sie ist Notwendigkeit“
Eines der eindrucksvollsten Momente des Tages war das Gespräch zwischen Adobe-CEO Shantanu Narayen und P&G-CEO Shailesh Jejurikar. Jejurikar führt einen Konzern mit 65 Marken, Produkten in 180 Ländern und Millionen von Kunden – und seine Aussagen zur Rolle von KI waren alles andere als zurückhaltend.
Früher haben wir als Brand Manager ein bis zwei Werbespots pro Jahr produziert, die zwei bis drei Jahre liefen. Heute produzieren wir täglich hunderte Inhalte. Das lässt sich menschlich nicht mehr bewältigen. KI ist kein Nice-to-have – sie ist Pflicht.
Shailesh Jejurikar, CEO Procter & Gamble
Besonders interessant aus DACH-Perspektive: P&G betreibt in Berlin ein Gillette-Werk, in dem Teile der Nachtschicht mittlerweile autonom laufen – ohne Mitarbeiter an den Linien. Das Ergebnis laut Jejurikar: eines der höchsten Werte im unternehmensweiten Mitarbeiterzufriedenheitsindex. Autonomisierung und Mitarbeiterzufriedenheit schließen sich nicht aus – wenn sie richtig umgesetzt wird.
Für Marketing-Entscheider im Mittelstand ist die Botschaft klar: Was P&G im Großmaßstab vorexerziert, wird in wenigen Jahren Standard sein. Die Frage ist nicht, ob, sondern wann und mit welchem Partner.

Brand Visibility: Wenn KI-Agenten entscheiden, wer empfohlen wird
SVP Amit Ahuja sprach über einen Wandel, der vielen Unternehmen noch nicht vollständig bewusst ist: Nicht mehr nur Menschen navigieren Websites – KI-Agenten treffen in Echtzeit Entscheidungen darüber, welche Produkte und Marken sie weiterempfehlen. ChatGPT, Perplexity und Co. sind de facto neue Touchpoints in der Customer Journey.
Adobe antwortet darauf mit dem LLM Optimizer, einem Tool, das Agentic Traffic analysiert, Content-Lücken identifiziert und One-Click- Optimierungen ermöglicht – direkt aus dem Interface. Die Live-Demo zeigte, wie Dick’s Sporting Goods sicherstellt, dass ihre Produkte in ChatGPT-Empfehlungen auftauchen und Nutzer direkt aus der KI heraus in den Kaufprozess einsteigen können.

Bemerkenswert ist auch die angekündigte Übernahme von SEMrush: Adobe kombiniert damit klassische SEO-Kompetenz mit dem neuen Feld der AI-Sichtbarkeit. Für Unternehmen, die heute noch ausschließlich auf Google-Rankings optimieren, ist das ein deutliches Signal zur Neuausrichtung ihrer Sichtbarkeitsstrategie.
AEM wird Agentic CMS: Content in Echtzeit statt Wochen
Adobe Experience Manager wurde auf der Bühne neu positioniert – nicht mehr als klassisches CMS, sondern als Agentic CMS, das Content kontextbezogen in Echtzeit verwaltet und ausliefert. Neue Agenten übernehmen Governance, Experience Creation und Content Advisory.
Die Demo war überzeugend: Nach dem Ende eines großen Golfturniers erkennt das System einen Traffic-Spike, generiert automatisch eine passende Landingpage mit regionalisierten Varianten für den Südosten und den pazifischen Nordwesten der USA – inklusive unterschiedlicher Tonalität, Produktauswahl und Bildsprache. Das alles innerhalb von Minuten, nicht Tagen.
Besonders relevant für Enterprise-Unternehmen: Die Plattform verarbeitet täglich 330 TB Experience-Daten, aktiviert 70 Milliarden Kundenprofile und liefert 1 Billion personalisierte Erlebnisse pro Jahr. Das ist die Dimension, in der Adobe operiert – und die Grundlage, auf der die Agentic-Funktionalitäten aufsetzen.

CX Enterprise Coworker: Der Teamkollege, der nie schläft
SVP Engineering Anjul Bhambhri skizzierte den fundamentalen Paradigmenwechsel: Bisher haben Menschen Software bedient. Im neuen Modell operiert KI-Software autonom – und Menschen definieren Ziele und Governance. Die Frage ist nicht mehr „Wo können wir KI einsetzen?“, sondern „Wie öffnen wir unser System für KI-Agenten?“.
Der CX Enterprise Coworker ist Adobes Antwort auf diese Frage: ein kollaborativer Agents-Orchestrator, der Adobe-Produkte (Real-Time CDP, Journey Optimizer, Customer Journey Analytics), Enterprise-Systeme (CRM, ERP) und externe Signale (Social, News, Marktdaten) nahtlos verbindet.
Stellen Sie sich vor: Ein Wettbewerber senkt um 14 Uhr seine Preise. Früher: Team-Alert, Meeting, Briefing, Kampagne, Freigabe – Tage vergehen. Morgen: Der Agent erkennt den Preisschnitt, identifiziert gefährdete Kunden, entwirft ein Retention-Angebot, simuliert Szenarien und bittet Sie um Freigabe. Alles in 30 Minuten.
Anjul Bhambhri, SVP Engineering, Adobe
Die Demo mit Ulta Beauty hat diesen Anspruch eindrucksvoll belegt: Eine Beauty-Influencerin geht viral, während das Marketing-Team schläft. Der Coworker erkennt die Opportunity, segmentiert relevante Kundengruppen, erstellt Kampagnen mit Firefly, holt die Freigabe beim UK-Team ein (das zu dieser Zeit im Büro ist) und launcht die Kampagne über E-Mail, Push und Paid Social – ohne dass eine einzige Person in den USA eingreifen musste. Der Marketingmanager findet am nächsten Morgen einen Erfolgsbericht vor.

Adobe Brand Intelligence und GenStudio: Die Agentic Content Supply Chain
Varun Parmar, SVP GenStudio & Firefly Enterprise, eröffnete seinen Part mit einem Zahlenbild, das die Dringlichkeit unterstreicht: Auf TikTok werden täglich 34 Millionen Videos hochgeladen. 50 Prozent des gesamten Engagements eines Videos passieren in den ersten 10 Sekunden nach dem Upload. Das klassische Redaktionsmodell kann mit dieser Geschwindigkeit schlicht nicht mithalten.
Mit Adobe Brand Intelligence adressiert Adobe einen blinden Fleck, den andere KI-Systeme haben: Sie trainieren ausschließlich auf dem kodifizierten Layer einer Marke – Brand Kits, Templates, Guidelines. Adobe Brand Intelligence bezieht auch den unkodifizierten Layer ein: institutionelles Wissen, Entscheidungsmuster, historische Performance-Daten. Das Resultat sind Agenten, die nicht nur regelkonform handeln, sondern kontextbezogen entscheiden.

Die drei Skills von Brand Intelligence
- Instruct to Assemble erstellt Asset-Varianten in großem Maßstab auf Basis von Kampagnenbriefings – vollständig on-brand und kanalspezifisch.
- Validate prüft jeden Output automatisch auf Brand-Compliance, bevor er aktiviert wird.
- Predict Performance simuliert anhand synthetischer Zielgruppen, wie Creatives bei spezifischen Kundensegmenten ankommen werden – noch vor dem Launch.

Ferner stellte Adobe die3D Digital Twin Solution vor: pixelgenaue Produktdarstellungen, die mit generativer KI zu unzähligen Asset-Varianten skaliert werden können. Relevant insbesondere für Branchen wie Automotive, Manufacturing oder Consumer Goods – Bereiche, in denen Produktidentität nicht verhandelbar ist. Die Lösung entstand in Partnerschaft mit Nvidia und nutzt Omniverse Raytracing.

Dick’s Sporting Goods: Wenn CMO und CTO eine Sprache sprechen
Das abschließende Gespräch mit Emily Silver (CMO) und Vlad Rak (CTO) von Dick’s Sporting Goods war in vielerlei Hinsicht das überzeugendste Argument des gesamten Tages. Nicht wegen der Technologie – sondern wegen des Organisationsmodells, das dahintersteckt.
Dick’s versteht sich nicht als Händler, sondern als Sportunternehmen. Kunden werden konsequent als „Athleten“ adressiert. Dieser Mindshift verändert alles: das Store-Design (House of Sport als Erlebnisdestination mit Trainingsangeboten), die Servicearchitektur, die Datennutzung und die KI-Strategie. Agentic Shopping bedeutet bei Dick’s nicht, Golfschläger zu verkaufen – sondern den richtigen Golfschläger für den richtigen Golfer zu finden und ihn dabei besser zu machen.
Marketing und Technologie sind keine getrennten Spuren mehr. Es muss eins und dasselbe sein. Unser wichtigstes gemeinsames Gut ist Vertrauen – und von dort aus arbeiten wir uns durch alle Entscheidungen.
Emily Silver, CMO Dick’s Sporting Goods
Für DACH-Unternehmen ist dieses Modell eine direkte Vorlage: Erfolgreiche Digitalisierung entsteht dort, wo Marketingverantwortliche und Technologieführung ein gemeinsames Zielbild teilen – und nicht in getrennten Projektwelten arbeiten.
Was bleibt: Drei Thesen für Digital-Entscheider im DACH-Raum
- Die Content-Produktion skaliert sich selbst – oder sie skaliert nicht
Die Zahlen von P&G, IBM und Ford sprechen eine eindeutige Sprache. Unternehmen, die heute noch manuelle Approval-Schleifen für jede Asset-Variante fahren, werden in zwei Jahren strukturell im Nachteil sein. Der Wechsel zur Agentic Content Supply Chain ist kein Upgrade – er ist ein Betriebsmodellwechsel. - Sichtbarkeit in LLMs ist die neue SEO-Hausaufgabe
Wenn ChatGPT, Claude oder Perplexity die erste Anlaufstelle für Produktrecherche werden, entscheiden Produktdatenqualität, LLM-lesbare Contentstrukturen und semantische Metadaten darüber, ob eine Marke überhaupt empfohlen wird. Adobe LLM Optimizer adressiert genau das – und die Wachstumszahlen belegen, dass der Markt das Thema angenommen hat. - Das Organisationsmodell ist der Engpass, nicht die Technologie
Dick’s Sporting Goods zeigt: Die Technologie ist verfügbar. Der entscheidende Unterschied entsteht in der Fähigkeit, Marketing und Technologie als eine operative Einheit zu führen. Für viele DACH-Unternehmen ist das die eigentliche Transformation – und sie beginnt mit Leadership-Alignment, nicht mit einem Software-Rollout.
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