Als erstes: Lasst uns alle Führungskräfte eliminieren

Heutzutage geht es viel um neue Führung. Denn in der heutigen Organisation führt die klassische Top-Down-Führung nicht mehr zum Ziel. Die Gründe dafür liegen in Volatilität, Unsicherheit, Komplexität, Ambiguität (VUCA), in der Globalisierung, der Digitalisierung und der Vernetzung, vor allem auch darin, dass wir heute alle Wissensarbeiter sind und nicht Arbeiter am Band bei Henry Ford vor 100 Jahre.

All dies ist fast schon Mainstream-Gedankengut und zieht sich durch die gesamte neuere Management- und Organisationsentwicklungs-Literatur. In seinem kleinen Büchlein Manifest für menschliche Führung hat Marcus Raitner die Implikationen für Führung lesenswert auf den Punkt gebracht, in einer Kürze und Knappheit, die “keine Zeit zum Lesen” nicht gelten lässt.

Friede den Führenden, Krieg den Führungskräften

Was mich an der Diskussion, auch bei Raitner, aber ärgert: Es wird einerseits festgehalten, dass Führung heißt, andere erfolgreich zu machen, dass Führung der bewusste Akt ist, sich um andere zu kümmern — gleichzeitig wird aber andauernd über Führungskräfte gesprochen. Und wir dürfen nicht vergessen, dass sich Führungskräfte, anders als Führung, in aller Regel aus der Hierarchie heraus legitimieren. Ist das denn nicht ein Widerspruch in sich selbst? Einerseits sagt man uns Wissensarbeitern, dass man mit uns auf Augenhöhe als Partner (accociates bei Drucker) arbeiten will. Andererseits gibt es aber Leute (Führungskräfte), die ermächtigt sind, und zwar nicht von mir qua Konsent oder Vertrauen oder Anerkennung ihrer Kompetenz, sondern qua Organisationsstruktur. Das sind übrigens die Leute, denen man teure Führungskräfte-Seminare verkaufen kann, weil sie Gewalt über das entsprechende Budget haben. Liegt es daran?!

These: Wo es Führungskräfte gibt, denkt man Führung zu kurz

Wenn Führung heißt, andere erfolgreich machen, anderen helfen, zu wachsen, zu lernen, sich zu entfalten, und ja, auch festzustellen und festzuhalten, wo wollen wir hin (Vision und so weiter), dann ist Führung eine Aufgabe für alle. Wenn wir als Gruppen von acht Freunden (i.e. Zelle in einem Netzwerk) eine Reise unternehmen, dann sagt sicher hie und da jemand “Schorsch, übernimm du mal die Führung”, weil Schorsch sich in der Art Terrain besser auskennt oder weil wir vereinbart haben, heute sucht Schorsch das Restaurant aus. Aber würden wir eine Führungskraft akzeptieren, die uns ohne Wahl vorgesetzt wird und die zudem Macht über uns hat? Das hieße implizit, dass wir keine Führungskräfte sind. Führung auf Rollen zu monopolisieren ist so praktisch, wie Umweltschutzverhalten der Rolle “Umweltschutzkraft” aufzutragen. Gibt es in unserer Gruppe von acht Freunden auf Weltreise eine Umweltschutzkraft?! Nein. Jede und jeder von uns wird den oder die andere ermahnen, wenn er seinen Müll am Wegesrand liegen lässt.

Warum ist Master Yoda ein Führer?

Oder Ghandi oder Martin Luther King oder oder oder. Ist Master Yoda ein Führer, weil er ein Coach ist, der uns hilft, uns zu hinterfragen, ein Lehrer, der uns in die Macht einführt, ein Beispiel für das Gute und Integre? Oder weil ihn der Chief Ober-Jedi Executive zur Führungskraft ernannt hat?

Wenn es, wie Raitner mehrfach festhält, bei Führung darum geht, zur Selbstführung anzuhalten, und wenn die Bedingung von Selbstführung Autonomie ist (das behaupte ich), dann müssen Strukturen, die eine Position und Rolle Führungskraft erzeugen, aufgelöst werden. Dann gibt es noch Coaches, Lehrer, Mentoren, Gefährten, Kritiker, Störer… aber keine Führungskräfte mehr. Und keine Herrschaftsstrukturen, die Führungskräfte installieren.

“Wherever you find a structure of domination, hierarchy, you have to ask: Is it legitimate? When you do, you generally find that it can't be justified.” - Noam Chomsky

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